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A) Die altjüdische Zeitrechnung bis auf Esra.

§ 138. Tagesbeginn und Tageseinteilung.

Die Quelle, aus welcher man auf die Beschaffenheit der Zeit­rechnung in der ersten Periode, welche von der Besitzergreifung des

Ginzel, Chronologie II. 1

[2 VIII. Kapitel. Zeitrechnung der Juden.]

Landes Kanaan bis zum Ende des 6. Jahrh. v. Chr. reicht, schließen kann, wird größten­teils nur durch die Bücher des Alten Testaments gebildet. Die Nachrichten, welche man diesen Schriften in Beziehung auf Tagesteilung, Monate, Jahreszeiten, Jahrform usw. entnehmen muß, fließen ziemlich spärlich oder entbehren an manchen Stellen der entscheidenden Klarheit. Leider haben auch die archäologischen Funde der Neuzeit noch kein Licht in die altjüdische Zeit­rechnung gebracht, den Nachweis der kanaanäischen Monatsnamen ausgenommen. Die Schlüsse, die man auf die Zeit­rechnung der in Rede stehenden alten Epoche machen kann, sind also notwendiger­weise auch heute noch in einigen Punkten unsicher und hypothetisch.

Was zuerst die Zeit des Tagesbeginns bei den Israeliten der alten Zeit betrifft, so muß darauf hingewiesen werden, daß in der jüdischen Zeitrechnung an dem Haupt­grundsatz festgehalten wird, den Monat mit dem sichtbaren Neumonde zu beginnen, d. h. mit dem Zeitpunkte, wann nach dem wahren Neumonde die feine Mondsichel dem freien Auge zum erstenmal wieder sichtbar wird. Dieser Zeit­punkt kann naturgemäß nur der Abend sein; wenn man also den ersten Tag des Monats mit dem Abend (wenn sich die Sichel tief am Westhorizonte zeigte) begonnen hat, mußten folgerichtig auch alle anderen Tage des Monats mit dem Abend begonnen werden. Hieraus ergibt sich bei den Israeliten, für welche der Mond der Haupt­zeitmesser war, der Tagesbeginn mit dem Abend von selbst. Dies bestätigen zahlreiche Stellen aus der Bibel, aus denen hervorgeht, daß von Abend zu Abend gerechnet wurde1, daß also der Tag zur vorher­gegangenen Nacht hinzugehörte. Auch geht dieser Gebrauch aus der Bestimmung über den Sabbat, diesen Tag von Abend zu Abend zu feiern, und aus den Festsetzungen über einzelne Feste her­vor2; desgleichen nahmen die Tage der Unreinheit mit Sonnenunter­gang ihr Ende usw. Man muß aber nicht glauben, daß diese Art des Tagesbeginns, d. h. daß die Nacht oder der Abend zuerst, und dann der Tag genannt wird, die alleinige der biblischen Bücher sei. Es gibt anderseits verschiedene Stellen, wo zuerst der Tag und dann die Nacht genannt wird, aus denen man also schließen könnte, daß man den Tag mit dem Morgen begonnen habe. Nach Ed. König, der diese verschiedenen Stellen neuerdings kritisch untersucht hat3, scheint


1) Z. B. Levit. XXIII 32: Von diesem Abend bis zum nächsten Abend sollt ihr den euch befohlenen Ruhetag einhalten. [Die hier und im folgenden in Be­tracht kommenden Bibelstellen zitiere ich nach Nowacks Handkommentar z. A. T.]

2) Z. B. Exod. XII 18: Im ersten Monat am 14. Tage des Monats, am Abend, sollt ihr ungesäuerte Brote essen bis zum 21. Tage des Monats am Abend.

3) Kalenderfragen im althebräischen Schrifttum (Zeitschr. d. deutsch. morgenl. Ges., LX. Bd., 1906, S. 606—612).

[§ 138. Tagesbeginn und Tageseinteilung. 3]

es sogar, daß der Gebrauch, den bürgerlichen Tag vom Abendanbruch an zu rechnen, erst in denjenigen Schriften des Alten Testaments besonders hervortritt, die ihrer Entstehung nach schon in die spätere Zeit gehören (wie in den Büchern Samuels, der Könige, der Propheten u. a.). Eine Entscheidung darüber, ob ursprünglich der Tagesbeginn mit dem Morgen etwa gebräuchlich war, ist wegen der Unbestimmtheit, die der volkstümliche Sprachgebrauch mit sich bringt1, kaum zu treffen. Da in der ältesten Zeit bei den Israeliten die Begriffe über die Zeitelemente noch unsicher waren und sich erst mit der Zeit entwickelten — wie bei den meisten Völkern, — so kann man sich immerhin denken, daß sich die (ursprünglich fehlende) Defi­nition eines bestimmten Tagesanfanges erst später, mit der Seßhaftig­keit der Stämme und der Ausbreitung des Handels, bei den Israeliten eingebürgert hat. Obwohl der Anfang des Tages mit Abends für Altisrael ganz natürlich ist, haben einige doch Spuren einer Tages­zählung von Morgen zu Morgen schon in den ältesten Zeiten finden wollen; dies soll aus den ersten Schöpfungsberichten2 hervorgehen; letztere hätten ihr Fundament in der babylonischen Kosmologie, und die Babylonier hätten den Tag von Morgen zu Morgen gerechnet. Allein die Deutung von Genes. I 5 ist eine zweifelhafte, und außerdem steht durchaus noch nicht sicher, mit welcher Zeit die Babylonier ihren Tag angefangen haben; es ist sogar wahrscheinlicher (s. I 123), daß im babylonischen Volkskalender der Sonnenuntergang als der Tagesanfang genommen wurde. Außerdem gehört nach den neueren Ansichten die Genesis durchaus nicht zu den ältesten Teilen des Pentateuchs.

Es fragt sich, in welchem Sinne der Ausdruck ערב ‘ereb = Abend, der in den Schriften gebraucht wird, zu verstehen ist. Wie eben bemerkt, begann man den Monat, sobald konstatiert worden war, daß sich die neue Mondsichel in der Abenddämmerung zeigte. Die erste Mondsichel bedarf aber, um dem unbewaffneten Auge auffällig zu werden, schon der vorgeschrittenen Dunkelheit, da diese Sichel noch sehr schmal und von geringer Helligkeit ist. Wie aus der Erklärung der Dämmerung (I 22) hervorgeht, muß die bürgerliche Dämmerung überschritten und die astronomische bereits einige Zeit eingetreten sein, bevor die Dunkelheit am Abend genügend tief ist, daß die Mond-


1) Auch aus dem Sprachgebrauch unserer heutigen Schriftsteller über den Tagesanfang („der junge Tag“, „der anbrechende Tag“, „der sich neigende Tag“ usw.) kann man nicht darauf schließen, daß wir den Tag nicht mit dem Morgen oder Abend, sondern mit Mitternacht beginnen.

2) Genes. I 5: Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis nannte er Nacht. So ward Abend und Morgen: ein erster Tag. — An dieser Schriftstelle ist viel herumgedeutet worden; s. hierüber auch Ed. König, a. a. O., S. 607, 611.

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[4 VIII. Kapitel. Zeitrechnung der Juden.]

Sichel hervortreten kann. Für Palästina beträgt die bürgerliche Dämmerung etwa eine halbe Stunde, die darauffolgende astronomische eine Stunde. Das Sichtbarwerden der Sichel fällt ungefähr nach der Mitte dieses ganzen Zeitraums und teilt den letzteren in zwei Abschnitte, gewissermaßen zwei Abende, nämlich in die Zeit von Sonnenuntergang bis zum Aufleuchten der Sichel in der vorge­schrittenen Dämmerung, und in das Zeitintervall von da bis zum völligen Einbruch der Dunkelheit. Hieraus kann man schließen, daß der Ausdruck „Abend“ nicht als die Zeit um Sonnen­untergang, sondern als die Zeit der vorgerückten Dämmerung zu verstehen ist. Daß man die genannten zwei Zeiträume „zwei Abende“ im Sprachgebrauch unterschied, darauf lassen einige Bibelstellen schließen, in denen die Bezeichnung der Zeit bên ha-arbaïm = zwischen beiden Abenden, an­gewendet wird. Man kann also annehmen, daß die Israeliten — wenigstens seit der Zeit, wo sie den Tag bereits als chronologisches Element betrachteten — ihren Tag anfingen um die Zeit „zwischen beiden Abenden“, nämlich wenn die erste Dämmerung (die bürgerliche) zu Ende war und die zweite Dämmerung (die astronomische) anfing.

Eine Einteilung des Tages, welche die beiden natürlichen Zeithalbkreise, Tag und Nacht, in bestimmt abgegrenzte Teile zerlegt, kennt die erste Periode der jüdischen Zeitrechnung noch nicht. Hirten und Ackerbauer begnügen sich, wie wir an verschiedenen Beispielen im I. Bande gesehen haben und im folgenden Kapitel des vorliegenden II. Bandes zeigen werden, mit allge­meinen Benennungen der Haupt­zeiten des Tages. Der Tag heißt יום jom. In den alttestament­lichen Schriften kommen von Nennungen der Tageszeiten vor: בקר boqer = Morgen, ערב ‘ereb = Abend, צהרים ṣoharaïm = Mittag (eigentlich doppeltes Licht oder größtes Licht des Tages), חצי הלילה chassi ha-lajlah = Hälfte der Nacht (Mitternacht). Auch die Morgendämmerung, nešeph, oder auch šachar = Morgenröte, kommt vor. Die allgemein gehaltenen Angaben „Essenszeit, Herannahen des Abends, Sichneigen des Tages, in der Hitze des Tages" sind ebenfalls nachweisbar.

Die Teilung der Nacht (לילה lajlah) in drei Teile, welche wir schon bei den Babyloniern bemerkt haben (I 123), zeigen auch die Schriften des Alten Testaments. Die Teile heißen אשמרות ašmorot = Wachen oder Nachtwachen. Es wird eine erste, eine mittlere und die Wache des Morgens unterschieden1. Die drei Nachtwachen finden


1) Jerem. Klagelieder II 19: Auf, schreie in der Nacht, beim Anfang der Nachtwachen. — Richter VII 19: Und es drangen Gideon und die hundert Mann, die er bei sich hatte, bis an den Rand des Lagers um den Anfang der mittleren Nachtwache. — Exod. XIV 24: Um die Zeit der Morgenwache aber blickte Jahve ... auf den Heereszug der Ägypter. — I Samuel XI 11: Sie drangen zur Zeit der Morgenwache mitten in das Lager.

[§ 139. Woche, Sabbat. 5]

sich noch im Talmud vor, später (vielleicht im 2. Jahrh. n. Chr.) wurden nach dem Gebrauche der Römer vier Nachtwachen angenommen (Vigilien)1.

Eine genauere Teilung des Tages und der Nacht in gleiche Teile, welche die tägliche Tätigkeit abmessen lassen, wie etwa unsere Stunden, scheinen die Juden während ihres patriarchalischen Zeitalters nicht gekannt zu haben. Es ist nämlich auffallend, daß der Begriff „Stunde“ in den Büchern der ersten Zeitrechnungsperiode nicht vorkommt; erst bei Daniel IV 16 findet sich שעה ša‘h, es ist aber zweifelhaft, ob dieses Wort damals schon jene Bedeutung hatte. Für die ganze Zeit bis zum babylo­nischen Exil braucht man übrigens den gänzlichen Mangel einer rohen Zeitbestimmungsart nicht vorauszusetzen, da die Hebräer einen solchen Begriff von Nachbarvölkern entlehnt haben können; im Kanaanäischen ist wenigstens das Wort für Stunde jetzt nachgewiesen2. Die dunklen Stellen über den Sonnenzeiger des Achas3 haben trotz vielfältiger Deutung keinerlei chrono­logischen Gewinn ergeben und lassen auf eine etwaige spätere Einführung temporärer Stunden nicht schließen.


1) S. Berachoth p. 3, wo die Meinungen streiten, ob die Nacht 3 oder 4 Wachen habe. — Die vierte Nachtwache kommt aber auch Matth. XIV 25 (= Marc. VI 48) vor und indirekt folgt sie aus Apostelgesch. XII, 4: Herodes Agrippa übergibt den Petrus τέσσαρσιν τετραδίοις στρατιωτῶν φυλάσσειν αὐτόν [ein τετράδιον, Abteilung von vier Mann, war für je eine Nachtwache bestimmt]. Dem­nach käme die ganze römische Nachteinteilung schon um Christi Zeit in Palästina vor. Die oben genannten Quellen können allerdings nur auf Rechnung der römisch beeinflußten Schriftsteller kommen, ohne also einen Beweis für den Gebrauch im Volke abzugeben. Anderseits war das Heer der Herodianer sicher nach römischer Weise organisiert; man kann also vermuten, daß damals schon die Zeiteinteilung in drei wie in vier Nachtwachen nebeneinander in Palästina gebraucht wurde.

2) šeti mit dem Glossenzeichen (Tel-Amarn. 91, 77).

3) Jesaia XXXVIII 8: Ich will den Schatten am Sonnenzeiger Achas' 10 Grade zurückziehen, über welche er gelaufen ist, daß die Sonne 10 Grade zurücklaufen soll am Zeiger, über welchen sie gelaufen ist. — Ähnlich II. Könige XX 9—11.

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