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[§ 140. Jahreszeiten und Monatsnamen. 11]

§ 140. Jahreszeiten und Monatsnamen.

Von Jahreszeiten unterschieden die Hebräer nur zwei, gleich den Parsen und Indern der alten Zeit, welche eine weitere Spezialisierung der Jahreszeiten erst mit der Kenntnis anderer klimatischer Verhält­nisse, in der Zeit ihrer Wanderung und Ausbreitung, vornahmen. Für seßhafte Ackerbauer und Viehzüchter, wie die Israeliten, genügte die Unterscheidung zwischen Sommer und Winter (nämlich der heißen, trockenen und der nassen, kühlen Jahreshälfte). Dies geht ziemlich deutlich aus den Schriften hervor2.

Aus den Erklärungen, die ich über den Tagesbeginn und über die vermutliche Entstehung der 7tägigen Woche gegeben habe, ging schon hervor, daß die hebräischen Zeitelemente einen entschie­denen Zusammenhang mit dem Monde besitzen. Dies wird weiter bestätigt durch die beiden Arten von Namen, welche im Alten Testamente für den Begriff „Monat“ angewendet werden. Der eine Name ist ירח jerach, (von יֶרַח = Mond); der andere חרש chodeš geht auf die Wurzel chadaš = neu sein, zurück, bedeutet also „Neuheit“ d. h. den


2) Amos III 15: Da schlage ich Winterhäuser samt Sommerhäusern. — Sacharja XIV 6: Dann wird es weder Hitze noch Kälte noch Frost geben, es wird ein einziger Tag sein ... 8: An jenem Tage gehen lebendige Wasser von Jerusalem aus .... im Sommer und Winter werden sie vorhanden sein. — Jesaia XVIII 6: übersommern wird der Geier, und alles Getier des Landes darauf überwintern. — Psalm LXXIV 17: Du hast alle Grenzen der Erde gesetzt, Sommer und Winter, du hast sie geschaffen. — Früher hat man aus Genes. VIII 22 auf sechs Jahreszeiten der alten Israeliten schließen wollen: Künftig sollen, solange die Erde steht, Saatzeit und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht nicht aufhören. — Die Stelle bietet aber, wie man sieht, nur Gegen­sätze überhaupt dar, Saatzeit und Kälte beziehen sich auf die kühle Jahreszeit, Ernte und Hitze auf die warme Zeit, so daß auch hier eigentlich nur zwei Haupt­zeiten gemeint sind.

[12 VIII. Kapitel. Zeitrechnung der Juden.]

Neumondstag, den Tag des Neulichtes, mit dem der Monat anfing. In der Anwendung dieser beiden Namen wird eine gewisse Unterscheidung gemacht, indem jerach die ältere ist, während chodeš in den nach­exilischen Schriften gebraucht wird. Den Anfang des Monats werden wir späterhin allgemein durch ראש חדש roš chodeš bezeichnet sehen. Den Gebrauch des Mondes als Zeitmesser bestimmt schon klar Psalm CIV 19: „Gott schuf den Mond zu Zeiträumen“ (d. h. zur Einteilung der Zeit nach ihm).

In der Bezeichnung der Monate läßt sich in den Schriften des Alten Testaments eine Variation beobachten. In der ältesten Zeit treten Namen für die Monate auf, welche entlehnt, nämlich kana­anäischen Ursprungs sind. Später, bis zur Zeit der Errichtung des ersten Tempels, haben sich diese Namen allmählich verloren und werden durch bloße Ordnungszahlen ersetzt. Mit der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangen­schaft gewinnen die assyrisch-babylonischen Monatsnamen Eingang, welche als „neuere“ babylonische bezeichnet werden (I 117); die Anwendung der Ordnungs­zahlen erhält sich aber im priesterlichen Festkalender.

Am frühesten in den Schriften des Alten Testamentes wird der Monatsname Abîb genannt, und zwar in den Büchern, die als die ältesten gelten1, im sogen. ersten Kodex und Exod. XXXIV, 18 bei der Nen­nung des Massôthfestes. Der Monat Abîb wird dort der „Ährenmonat“ geheißen, muß also in das Frühjahr fallen. Auch in dem einer etwas späteren Periode entstammenden Deuteronomion kommt der Name vor2. In den Büchern der Könige werden noch drei andere Monate genannt, Siw, Bûl und Ethanîm und zwar mit den Beifügungen, daß Siw der 2., Ethanîm der 7. und Bûl der 8. Monat des Jahres sei3. Da die Bücher der Könige in einer viel späteren Epoche ent-


1) Bei der Beurteilung dieses und einigen anderen Materials, welches das Alte Testament für die Beschaffen­heit des alten Zeitrechnungs­wesens der Israeliten liefert, mußte von mir notwendiger­weise Rücksicht auf die Ergebnisse der neueren Textkritik der biblischen Bücher genommen werden. Es konnte mir als Nicht­theologen selbstverständlich nicht gestattet sein, mich unter den vielen neueren Arbeiten (Bleek, Kuenen, Colenso, Nöldeke, Graf, Reuss, Wellhausen u. a.) an eine bestimmte anzuschließen, um so weniger, als die Ansichten in manchen Punkten noch schwanken. Ich habe darum den Standpunkt einzunehmen gesucht, wie er etwa aus dem Zusammen­halten der Mehrheit der Meinungen sich jetzt für einzelne in Betracht kommende Punkte ergibt.

2) Exod. XXIII 15: Das Fest der ungesäuerten Brote ... wie ich Dir für die Zeit des Ährenmonats anbefohlen habe. — XXXIV 18: Das Massôthfest sollst Du beobachten, 7 Tage .... zur Zeit des Monats Abîb, denn im Ahrenmonate bist Du aus Ägypten ausgezogen (vgl. XIII 4). Deuteron. XVI 1: Achte auf den Monat Abîb und veranstalte das Passah für Jahve.

3) I Kön. VII: im 4. Jahre, im Monat Siw, das ist der 2. Monat, der Re­gierung Salomos über Israel, da baute Jahve den Tempel. — 37: Im 4. Jahr war [Fortsetzung der Fußnote]

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standen sind als der Pentateuch, beweist die Nennung der Namen, daß Eigennamen für die Monate ziemlich lange im Gebrauch gewesen sind, und das Hinzusetzen der Ordnungszahlen läßt darauf schließen, daß man sich damals schon in der Übergangs­periode zur Numerierung der Monate befand. Der Bedeutung der Namen nach entspricht Ethanîm etwa dem Herbstmonat (Monat der strömenden Flüsse oder der Wässer, auch des Einholens der Früchte), Bûl dem Regenmonat (Monat der Wolken, des Abfallens der Blätter, November), Siw dem Blumenmonat (Glanz der Blumen, etwa Mai) und Abîb dem Monat der reifenden Ähren (April).

Die Vermutung, die oben schon geäußert wurde, daß einige Elemente der altjüdischen Zeit­rechnung von Völkern entlehnt sein dürften, mit denen die Israeliten schon bei der Einwanderung in Kanaan in Berührung gekommen sind, hat bei den eben genannten alten Monatsnamen ihre Bestätigung erhalten. In Kanaan wurde der Kalender der Phönizier gebraucht, sowie in deren Kolonien auf Malta, Cypern und in Karthago. Aus den Inschriften, welche die neueren Ausgrabungen an diesen Orten zu Tage gefördert haben, lassen sich mindestens zwei von den alten biblischen Monatsnamen, nämlich Bûl und Ethanîm nachweisen, während dies von Siw derzeit noch etwas fraglich bleibt, da der wie es scheint entsprechende Name זיב Zîb bisher nur für Karthago erbracht ist. Der phönizische Monat, welcher mit dem Abîb, dem vierten von der Bibel genannten Monat identisch war, hat bisher nicht konstatiert werden können. Die phönizischen Inschriften haben aber zur Entdeckung der anderen Monatsnamen der Phönizier geführt, so daß die Liste der Monate jetzt fast vollständig ist. Ob den Israeliten diese Namen alle bekannt waren und inwieweit sie von denselben Gebrauch gemacht haben, ist aus Mangel an Material noch nicht bestimmbar. Jedenfalls wird es von Interesse sein, hier die aufgefundenen phönizischen Monatsnamen nach den Inschriften, in denen sie vorkommen, zusammenzustellen. Ich gebe die Quellen nach Landau und Lidzbarski an; im folgenden bezeichnen die Abkürzungen: Landau = W. v. Landau, Beiträge zur Altertumskunde des Orients, II, Phönizische Inschriften, Leipzig 1899; Lidzb. Eph. = M. Lidzbarski, Ephemeris für semitische Epigraphik, I. Bd., Gießen 1902; Lidzb. Hdb. = M. Lidzbarski, Handbuch der nordsemitischen Epigraphik, I. Teil, Weimar 1898.

  1. אתנמ Ethanîm. „Am ersten [Neumond] des Monats Ethanîm“. (Aus Kition [Cypern], No. 91 Landau.) — „Dies ist die Statue,

[Anfang der Fußnote] der Grund gelegt zum Tempel Jahves im Monat Siw. — 38: Und im 11. Jahr, im Monat Bûl, d. i. der 8. Monat, wurde der Tempel vollendet. — VIII 2: Da versammelten sich .... alle israelitischen Männer im Monat Ethanîm am Fest, d. i. der 7. Monat.

[14 VIII. Kapitel. Zeitrechnung der Juden.]
  1. welche gestiftet hat .... im Monat Ethanîm im 30. Jahre“. (Cypern, No. 103 Landau.)
  1. בל Bûl. „Im Monat Bûl im Jahre 14 der Regierung des Königs Ešmun-’azar, Königs der Sidonier“. (Sidon, No. 5 Landau.) — „Am 6. Tage des Monats Bûl im Jahre 21 des Königs Pum-jatan, Königs von Kition“. (Cypern, No. 15 Landau.) — „Dieses ist das Postament aus Stein gehauen, welches gestiftet hat der König Melek-jatan, König von Kition und Idial ... im Monat Bûl im Jahre 2 seiner Regierung“. (Idalion [Cypern], No. 96 Landau.)
  2. זיב Zîb (nur punisch; s. Costa 70 a).
  3. זבחששמ Zebachšišîm. „Am 20. des Monats Zebachšišîm im Jahre ....“ (Kition, No. 18 Landau.) — „Am ersten Neumond des Zebachšišîm ....“ (Narnaka, No. 105 Landau.)
  4. חיר Chjr. „Am 7. des Monats Chjr im Jahre 31 des Herrn der Könige Ptolemaeus ...“ (Idalion, No. 99 Landau.) — „Ich bin ... Baal ... des Monats Chjr“. (Abydos, No. 110 Landau.) — „Diese Arbeiten, deren Wichtiges wie Geringes vom Monate Chjr ...“ (Weiheinschrift Karthago, Lidzb. Eph. S. 25.)
  5. מפע Mappa‘. „Im Monat Mappa im Jahre des Regierungs­antritts des Königs Bod-aštoret ..“ (Sidon, No. 6 Landau.) — „Und im Monat Mappa der Jahre 4 ...“ (Narnaka, No. 105 Landau.)
  6. כרר Karar. „Dieses die Statue, welche gestiftet ... im Monate Karrar“. (Idalion, No. 98 Landau.)
  7. פעלת Pe‘aloth. „Am 1. des Monats Pe‘aloth ...“ (Kition, No. 91 Landau.) — „Am 16. des Monats Pe‘aloth ...“ (Idalion, No. 94 Landau.) — „Am 17. des Monats Pe‘aloth ..“ (Cypern, No. 104 Landau.) — „... im Monat Pe‘aloth der Jahre 5 ....“ (Nar­naka, No. 105 Landau.)
  8. מרזה Mirzah. „Am 4. Mirzah im Jahre 15 des Volkes von Sidon“. (Aus Athen, No. 180 Landau.)
  9. מרפא: Marpe’. (Auch מדפאם Marpe’im. Zweifelhaft, ob mit Marpe’ identisch; kann auch der Name eines anderen Monats sein.) „Am 24. des Monats Marpe’ ...“ (Cypern, No. 16 Landau.) — „Grab, ausgeführt ... 1. des Monats Marpe’im“. (Malta, No. 183 Landau.) — „Was gelobt hat Bod-aštoret ... im Monat Marpe’im“. (Karthago, No. 228 Landau.) (Lidzb., Hdb. S. 317.)

Die vorstehende Liste kann nur die Namen der Monate geben; welche Reihenfolge die phönizischen Monate gehabt haben, ist bis jetzt noch unbekannt. Ebenso unsicher ist noch die Deutung der Monatsnamen, der 8. Pe‘aloth kann vielleicht als „Monat der Lohn-

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zahlungen“, der 9. Mirzah als „Monat der Freude“ (Karneval), der 10. Marpe’ als „Monat der Gesundung, des Ausruhens von Arbeit“ (Herbst) gedeutet werden.

Die Zeit, wann die alten Eigennamen der hebräischen Monate außer Gebrauch gekom­men und durch die Zählung der Monate nach den Ordnungszahlen ersetzt worden sind, läßt sich nicht bestimmen. Wahrscheinlich trat der Gebrauch der kanaanäi­schen Monatsnamen allmählich zurück gegen den Gebrauch der Ordnungszahlen. Ob ge­rade zur Zeit Salomos die Ordnungszahlen für die Monats­bezeichnung aufge­kommen sind, wie Schiaparelli will, läßt sich nicht behaupten1. Jedenfalls mußte sich, je mehr die alten Namen dem Gedächtnisse des Volks entschwanden und die Ordnungszahlen dafür in Aufnahme kamen, die Notwendigkeit einstellen, bei Daten neben der Ordnungs­zahl noch den alten Monatsnamen beizufügen, wie man an einigen erhaltenen Schriftstellen noch sieht (I Kön. VI 1. 38; VIII 2). Die prophetischen Bücher, die Bücher der Könige und der Chronik nennen die Monate nur nach den Ordnungszahlen2. Der Pentateuch und das Buch Josua wenden diese Benennungs­weise sogar auf die vormosaische Zeit und auf die Periode der Sintflut an, wie man aus Genesis VII u. VIII ersieht3. Da man den Pentateuch sowie das Buch Josua der Entstehung nach jetzt für jünger hält als früher und sogar bis in die Zeit bald nach dem Exil hinabrückt, so ist der Ge-


1) S. Ed. König, a. a. O., S. 615.

2) I Kön. XII 32: Auch veranstaltete Jerobeam ein Fest im 8. Monat am 15. Tage des Monats. — 33: Als er aber zum Altar hinaufstieg, den er hergestellt hatte, am 15. Tage des 8. Monats ...II Kön. XXV 25: Aber im 7. Monat erschien Ismael ...1: im 10. Monat am 10. des Monats. — 8: im 5. Monat am 7. des Monats. — 27: im 12. Monat am 27. des Monats.

II Chron. XV 10: Sie kamen im 3. Monat des 15. Jahrs der Regierung Asas in Jerusalem zusammen. — XXX 2: Der König und seine Großen ... ent­schlossen sich, das Passah im 2. Monat zu veranstalten. — XXXV 1: Sodann ... schlachteten sie ... am 14. Tag des 1. Monats.

Jeremia XXXIX 1: Im 9. Jahre Zedekias im 10. Monat ...2: Im 11. Jahre im 4. Monat ...LII 12: Im 5. Monat am 10. des Monats ...

Esra III 6: Vom 1. Tage des 7. Monats an ...8: Im 2. Jahr im 2. Monat. VII 9: Am 1. Tage des 1. Monats ...VIII 31: am 12. Tage des 1. Monats. — X 9: im 9. Monat am 20. des Monats. [Folgende Stelle nennt den Monat Adar. VI 15: Und sie vollendeten dieses Haus am 3. Tage des Monats Adar, das ist im 6. Jahre der Regierung des Königs Darius. — Diese Stelle ge­hört jedoch in den aramäischen Teil des Buches Esra].

3) Levit. XVI 29: Im 7. Monat am 10. Tage ...XXIII 5: Im 1. Monat am 14. Tage. — XXIII 24 u. 34: Im 7. Monat ...Numeri, bei den Ver­ordnungen der Festtage (XXVIII u. XXIX) werden die Monate nur nach Ordnungs­zahlen angegeben. — Gen. VII 11: Im 600. Jahre des Lebens Noahs im 2. Monat am 17. Tage ...VIII 13: Im 600. Jahre, im 1. Monat am 1. Tage waren die Wasser versiegt ...14: Im 2. Monat am 27. Tage war die Erde ausgetrocknet.

[16 VIII. Kapitel. Zeitrechnung der, Juden.]

brauch der Ordnungszahlen bei den Monaten zur Registrierung von Ereignissen, welche die früheste Geschichte des jüdischen Volkes betreffen, erklärlich: den späten Bearbeitern dieser Bücher waren die alten Monatsnamen schon vollständig entschwunden, und sie wendeten des­halb die ihnen geläufigen, in ihrer Zeit gebräuchlichen Ordnungszahlen auch auf die alte Chronologie an. — Eine Auslese von Stellen, in denen die Monate nur nach den Ordnungszahlen benannt sind, findet man oben S. 15 Anm. 2 u. 3; vollständig bei Ed. König, a.a.O., S. 615. Die Bezeichnung der Monate nach den Ordnungszahlen bei den Israeliten erscheint übrigens demjenigen nicht befremdlich, welcher das Zeitrechnungswesen anderer Natur- und Kulturvölker vergleicht; wir haben die Benennung der Monate nach den Ordnungszahlen bei den Tibetanern (s. I 403), in Hinterindien (I 412. 413), auf Java und Sumatra (I 420. 427), in China und Japan (I 455) vorgefunden und für die ältere Zeit der Babylonier vermutet (I 117).

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