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[§ 146. Der Papyrusfund von Assuan. 45]

§ 146. Der Papyrusfund von Assuan.

Im Frühjahr 1904 wurden in Assuan (dem alten Syene) in Ober­ägypten eine Anzahl Papyri gefunden, die in aramäischer Sprache abgefaßt sind und aus der Zeit der Perserkönige Xerxes, Artaxerxes und Darius herrühren. Dieselben stammen wahrscheinlich von der Nilinsel Elephantine. Die Papyri sind sehr gut erhalten und bieten in ihrem Inhalte in Bezug auf Sprache, Rechtsverhältnisse, Münz­wesen und andere kulturhistorische Faktoren ein so reiches Interesse dar, daß die Publikation1 in den wissenschaftlichen Kreisen berechtigtes Aufsehen erregt hat. Es sind zehn Urkunden, welche sich auf die Besitz- und Vermögensverhältnisse einer jüdischen in Ägypten an­sässig gewesenen Familie beziehen. Die Namen der Mitglieder dieser Familie, welche durch zwei Generationen in diesen Schriftstücken ge­nannt werden, sind jüdisch, und die Mitglieder werden außerdem als „Judäer“ bezeichnet. Wahrscheinlich handelt es sich um Juden, welche in den persischen Heeren Kriegsdienste genommen hatten, dadurch nach Ägypten kamen und späterhin in einer Militärkolonie zu Assuan angesiedelt wurden. Was uns hier interessiert, sind die Parallel­datierungen nach dem jüdischen und dem ägyptischen Kalender, die in den Urkunden vorkommen. Hierdurch wird die Hoffnung an­geregt, daß man durch diese Datierungen einen Einblick in den Zu­stand des jüdischen Kalenders des 5. Jahrh. v. Chr. erhalten könnte; auch wäre die Möglich­keit gegeben, aus den Daten die damalige Art der Schaltung nachzuweisen. Die letztere Aussicht hat aber wenig Wahrscheinlichkeit für sich, denn um einen sicheren Schluß auf die Schaltungs­methode zu wagen, müßten eine größere Anzahl Glieder entweder eines Zyklus oder eine kombinierbare Zahl einiger Zyklen mit Daten belegbar sein, und dies ist nicht der Fall. Die vorhandenen Paralleldaten sind zu lückenhaft, und man kann daraus nur wenig betreffs der Schaltung ableiten. Ferner liegt noch ein Bedenken hin-


1) Aramaic Papyri discovered at Assuan, edited by A. H. Sayce with the assistance of A. E. Cowley and with appendices by W. Spiegelberg and Seymour de Ricci, London 1906. — Die Papyri wurden von Rob. Mond und Lady W. Cecil angekauft und dem Museum in Kairo überwiesen. Die Herausgabe der 10 Doku­mente und eines anderen, von der Oxforder Bodleiana erworbenen Papyrus hat M. Mond auf seine Kosten übernommen.

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sichtlich der Lesung der Ziffern der Datierungen vor, doch dürfte dieses durch die Bemerkungen von M. Lidzbarski1 jetzt fortfallen. Die Ziffern werden nämlich in den Papyri derart angegeben, daß die Ein­heiten durch senkrechte Striche, und zwar in Gruppen zu je 3, von rechts nach links, und die Zehner durch einen Horizontal­strich mit Haken dargestellt sind, z. B. ||| ||| ¬ heißt 16. Der letzte Strich links wird aber öfters schräg gestellt. Der Herausgeber Cowley nimmt nun an, daß diese schrägen Striche am Ende der Zahlen nicht zu letzteren gehören und Siglen seien. Dadurch entstehen Differenzen in der Lesung der Datierungen, je nachdem man jene Striche zu den Zahlen hinzurechnet oder wegläßt. Da Lidzbarski gute Gründe dafür angeführt hat, daß jene Striche als Zahlenzeichen wie die übrigen aufgefaßt werden müssen, halten wir uns an diese Lesung. Die Datierungen der Papyri (eine der 10 Urkunden kann nicht berück­sichtigt werden, weil das Datum defekt ist) sind folgende:

  1. Am 17. (18.?) Elul d. i. am 27. (28.) Pachon im 14. (15.?) Jahre des Xerxes.
  2. Am 18. (?) Kislev d. i. am 6. (7.) Thoth im 20. (21.?) Jahre [des Xerxes] im Anfange der Regierung des Artaxerxes.
  3. Am 21. Kislev d. i. am 1. Mesori im 6. Jahre des Artaxerxes.
  4. Am 3. Kislev d. i. am 10. Mesori im 19. Jahre des Artaxerxes.
  5. Am 13. (14.?) Ab d. i. am 19. Pachon im 25. Jahre des Artaxerxes.
  6. Am 26. (?) Tišri d. i. am 6. (?) Epiphi
  7. Im Monat Elul d. i. Payni im 3. (4.?) Jahre des Darius.
  8. Am 3. Kislev im 7. (8.?) Jahre d. i. 11. (12.?) Thoth im 7. (8.?) Jahre des Darius.
  9. Am 23. (24.?) Šebaṭ im 13. Jahre d. i. 8. (9.?) Athyr im 13. (14.?) Jahre des Darius.

Nach der oben gemachten Bemerkung nehme ich bei den als fraglich bezeichneten Lesungen das (gegen die Lesung der Herausgeber) höhere Datum. Von den 9 Daten müssen leider No. 6 und 7 wegen der un­vollständigen Datierung weggelassen werden. Auffällig erscheint, daß (bei No. 8 und 9) das Jahr des Königs zweimal angesetzt ist. Wie ebenfalls Lidzbarski bemerkt hat, soll damit die jüdisch-ägyptische Differenz in der Jahreszählung ausgedrückt werden. Der Beginn des ägyptischen Jahres (1. Thoth) war damals im Dezember, das jüdische Jahr konnte am 1. Nisan (Frühjahr) oder 1. Tišri (Herbst) beginnen, fing nach den Urkunden aber wahrscheinlich mit dem Nisan an, fiel also später als das ägyptische. Dadurch entstanden für einzelne Monate Differenzen in der Zählung des Jahres, und durch die zweimalige


1) Deutsche Literaturzeitung, 1906, col. 3205—3215.

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Angabe des Königsjahrs soll vermutlich diese Differenz angemerkt werden. Die beiden Daten No. 8 und 9 (bei No. 8 ist nach Lidzbarski1 beim zweiten Jahre ||| ||| ||| d. h. 9 statt 8 zu lesen) sind danach:

  1. Am 3. Kislev im 8. Jahre = 12. Thoth des 9. Jahres des Darius.
  2. Am 24. Šebaṭ im 13. Jahre = 9. Athyr des 14. Jahres des Darius.

Die chronologische Behandlung der 7 vollständig datierten Papyri, welche ich auf Aufforderung von Prof. E. Schürer übernahm, ergab folgende Resultate2.

Zunächst war nach den Auseinandersetzungen der bisherigen Para­graphen dieses Buches zu erwarten, daß der Beginn der jüdischen Monate jedesmal derjenige des Datums der neuen Mondsichel sein werde. Zur Beantwortung dieser Frage können daher unmittelbar die im I. Bande gegebenen Neumonde (Taf. III) dienen, wenn man zu diesen Daten etwa 1 12 Tage, die Zeit von der Konjunktion bis zum Sichtbarwerden der Sichel, hinzulegt3.

ad 1) 18. Elul

Im 14. Jahre des Xerxes (276 Nabon. = 472 v. Chr.) war der dem 28. Pachon (= 12. Septbr.) vorhergegangene Neumond am 5. Septbr. Dagegen war im 15. Jahre des Xerxes (471 v. Chr.) die neue Mondsichel am 25. August, daher auch der 1. Elul am 25. August, der 18. Elul am 11. Septbr., demnach stimmt die Paralleldatierung 28. Pachon = 17. oder 18. Elul.

ad 2) 18. Kislev.

Diese Datierung ist nicht ganz klar. Es würde nur das 20. Jahr des Xerxes (467 v. Chr.) stimmen, da der 1. Kislev (Neumondsichel) am


1) a. a. O. col. 3209. Bei No. 8 ist ||| || ||| (8) ein Schreibfehler.

2) Der jüdische Kalender nach den aramäischen Papyri von Assuan (Theologische Literaturzeitung, hrsg. von Harnack u. Schürer, 32. Jahrg., 1907, Sp. 66). — Ich beziehe mich hier auf diesen Artikel von E. Schürer und mache hierzu noch einige Bemerkungen.

3) Ich führe diese zugehörigen Neumondseintritte (für Assuan) und die wahr­scheinliche Zeit der Sichtbarkeit der Mondsichel hier an. Die Neumondzeiten verstehen sich als den Tag von Mittag an gerechnet und in Dezimalteilen des Tages:

Neumondseintritte in AssuanErste Sichel sichtbar am Abend
ad1) 471v.Chr.August24,28    des25.August
,,2) 465,,,,Dezbr.14,54    ,,16.Dezbr.
,,3) 460,,,,Oktob.20,59    ,,22.Oktob.
,,4) 446,,,,Novbr.15,75    ,,17.Novbr.
,,5) 440,,,,August12,31    ,,13.oder 14. August
,,8) 416,,,,Dezbr.12,48    ,,14.Dezbr.
,,9) 410,,,,Januar16,63    ,,18.Januar

Bei 2) konnte dies Neulicht unter günstigen Umständen eventuell am Abend des 15. Dezember, bei 8) am 13. Dezember sichtbar werden. — Zur Reduktion der ägyptischen Daten auf julianische s. Taf. V. am Schluß dieses Bandes.

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7. oder 8. Dezbr., der 18. Kislev am 24. Dezbr. war (7. Thoth = 24. Dezbr.). Da aber schon Artaxerxes seine Regierung angetreten hatte, so dürfte die Jahreszählung nach dem 21. Jahre und zwar nicht im Sinne des ägyptischen, sondern des jüdischen Jahres gemeint sein (465 v. Chr.). Die neue Sichel war dann 15. Dezbr. und der 18. Kislev = 2. Januar 464; der 7. Thoth (23. Dezbr.) gäbe dann eine Differenz von 10 Tagen, weshalb die Möglichkeit vorliegt, daß in der Papyrus­datierung der 17. Thoth gelesen werden muß. (Der Papyrus hat bei der Zahl eine Lücke, und 7 ist nur eine Annahme des Herausgebers.)

ad 3) 21. Kislev.

Das 6. Jahr des Artaxerxes (289 Nabon. = 459 v. Chr.) stimmt nicht, denn es würden dann zwischen dem 1. Kislev und 1. Mesori nur 2 Tage Differenz bleiben. Dagegen fällt im 5. Jahre (460) die Neu­mondsichel auf den 21. Oktober, daher der 21. Kislev auf den 11. Novbr. und die Datierung stimmt (1. Mesori = 11. Novbr.).

ad 4) 3. Kislev.

Im 19. Jahre des Artaxerxes (302 Nabon. = 446 v. Chr.) fällt der dem 10. Mesori (=17. Novbr.) vorausgegangene Neumond auf den 16. Novbr., daher der 3. Kislev auf den 18. Novbr. Die Datierung stimmt, nur scheint die Sichel etwas zu früh angesetzt worden zu sein, da sie eigentlich erst am 17. Novbr. hätte sichtbar sein können.

ad 5) 14. Ab.

Auch hier ergibt sich Übereinstimmung. Im 25. Jahre des Artaxerxes (308 Nabon. = 440 v. Chr.) war die neue Sichel, welche dem Datum 19. Pachon (26. Aug.) vorausging, am 13. Aug. sichtbar, daher der 1. Ab = 13. Aug., 14. Ab = 26. Aug. (19. Pachon).

ad 8) 3. Kislev.

Das 7. oder 8. Jahr des Darius (418, 417 v. Chr.) gibt keine Über­einstimmung. Dagegen fällt im 9. Jahre (333 Nabon. = 416) die dem Datum 12. Thoth (16. Dezbr.) vorausgehende Neumondsichel auf den 14. Dezbr. (1. Kislev), danach der 3. Kislev = 15. oder 16. Dezbr.

ad 9) 24. Šebaṭ.

Das 14. Jahr des Darius (338 Nabon. = 410 v. Chr.) stimmt. Der dem Datum 8. Athyr (9. Febr.) entsprechende Neumond fiel auf den 17. oder 18. Januar, der 1. Šebaṭ danach auf den 17. Januar, der 24. Šebaṭ auf den 9. oder 10. Febr.

Aus diesen Vergleichungen folgt sicher, daß die Schreiber der Papyri in der Datierung dem jüdischen Gebrauche folgten, nämlich den Beginn des Monats (wie in Palästina) auf den Tag des Sichtbar­werdens der neuen Mondsichel setzten.

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Auf die etwa beobachtete Schaltungsregel läßt sich aus dem schon angeführten Grunde nicht schließen. Rechnet man mit der von den Juden in ihrem jetzigen Kalender gebrauchten Schaltregel in das 5. Jahrh. v. Chr. zurück, so ergeben sich Differenzen, welche wenigstens so viel erkennen lassen, daß weder diese Schalt­regel noch sonst ein fester Usus in der Schaltung bekannt war. Auch Versuche mit den alten Schaltzyklen der Oktaëteris u. a., welche möglicher­weise den Juden jener Zeit hätten bekannt sein können, ergaben mir keine Überein­stimmung. Prof. Schürer forderte mich noch zu dem Versuche auf, zu prüfen, ob der in der spät­jüdischen Zeitrechnung (in den letzten Jahrhunderten v. Chr. und den ersten n. Chr.) beobachtete Grundsatz etwa bei den alten Papyrusdatierungen zutreffe, daß das Passahfest nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche in der Mitte des ersten Monats (d. h. am Vollmondstage) gefeiert wurde (s. S. 67, 72). Dann müßte der Vollmond des Nisan nach dem Frühjahrsäquinoktium fallen. Ich habe also von den angeführten jüdischen Daten mit einer Durch­schnittsannahme von 29,53 Tagen pro Mondmonat bis zum 14. Nisan zurückgerechnet, um auf das Julian. Datum des letzteren zu gelangen; daneben setze ich die vorgefallenen Vollmonde (s. Taf. IV dieses Bandes) und das Äquinoktium an:

ad1)Der 14. Nisan= 471v. Chr. 12.April,Voll 14.April,Äquinokt. 28.März
,,2),, ,,= 465,, 6.Mai,,, 7.Mai,,, 26.,,
,,3),, ,,= 460,, 13.März,,, 13.März,,, 26.,,
,,4),, ,,= 446,, 6.April,,, 8.April,,, 27.,,
,,5),, ,,= 440,, 30.,,,, 1.Mai,,, 26.,,
,,8),, ,,= 416,, 4.Mai,,, 5.Mai,,, 26.,,
,,9),, ,,= 411,, 10.April,,, 11.April,,, 26.,,

Der 14. Nisan fällt danach in 3 Fällen (ad 1, 4, 9) auf den ersten Vollmond nach dem Äquinoktium, in 3 Fällen (2, 5, 8) aber erst auf den zweiten Vollmond nach dem Äquinoktium, und ad 3 fiel er früher. Daraus muß man schließen, daß die obige Passahregel im 5. Jahrh. v. Chr. noch nicht aufgestellt war. Die Juden hätten hierzu die Kenntnis der Hauptjahrespunkte nötig gehabt; wir wissen aber, daß sie diese (die Tekuphot) erst in viel späterer Zeit kennen gelernt haben. Der Papyrusfund von Assuan lehrt uns also und bestätigt damit das Resultat des vorigen Paragraphen, daß im 5. Jahrh. v. Chr. noch keine feste Schaltungsregel bei den Juden beobachtet worden ist; die Abweichung von jedem System läßt vielmehr darauf schließen, daß nur nach Bedarf d. h. nach der Beobachtung dabei vorgegangen wurde.

Mit dem Papyrusfunde von Assuan in seiner chronologischen Bedeutung haben sich auch Hontheim, Knobel, Gutesmann und

Ginzel, Chronologie II. 4

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Fotheringham beschäftigt. Der erstere1 findet das gleiche Resultat wie der Ver­fasser dieses Buches, nämlich daß der jüdische Monat damals schon mit dem Tage begonnen wurde, an welchem nach Neu­mondseintritt die neue schmale Mondsichel am Abend sich wieder sichtbar zeigte2. E. B. Knobel3 ist über diese Folgerung (die einzige, die man mit Berechtigung ziehen kann) hinausgegangen und glaubt, aus den wenigen und zum Teil unsicheren Daten schon die Schaltungs­regel ableiten zu können, welche die Juden im 5. Jahrh. beobachtet hätten. Er nimmt hierzu die Datierungen Nr. 4 (3. Kislev = 10. Mesori = 446 Novbr. 18, s. oben S. 46) und Nr. 8 (3. Kislev = 11. Thoth = 416 Dezbr. 15) und glaubt, daß innerhalb dieser beiden um 30 Jahre (10987 Tage) voneinander abstehenden Kislev-Daten mehrere 19jährige Schaltzyklen liegen müssen, deren Schaltjahre nach dem 3., 6., 8., 11., 14., 17. und 19. Jahre der Zyklen angeordnet gewesen wären, d. h. die Regel Guchadsat, nach welcher die Juden erst bei der Kalenderreform vorgingen (s. § 150), habe schon im 5. Jahrh. v. Chr. gegolten. Er beruft sich dabei auf die Hypothese von E. Mahler, daß jener Zyklus schon in der alten Zeit, vor Meton, bei den Babyloniern und Juden gebräuchlich gewesen sei. Allein, was die Babylonier betrifft, so ist bekannt­lich die Hypothese Mahlers vielfach bekämpft und zurück­gewiesen worden (s. I 132 u. 148, Schaltungsfrage); ein 19jähriger Zyklus läßt sich bei ihnen vielmehr erst seit etwa 381 v. Chr. nach­weisen, vorher gebrauchten sie nach den neueren Vermutungen von Kugler (s. vorliegenden Bd. II Nachträge) einen ganz anderen Schaltzyklus. Was die Juden des 5. Jahrh. anbelangt, so widerspricht die ganze Entwicklungsgeschichte der jüdischen Zeitrechnung, wie sie in den vorstehenden Paragraphen den historischen Quellen gemäß dargestellt werden mußte, einem festen Einschaltungssystem. War die Berufung auf Mahler schon nicht sehr glücklich, so ist noch weniger die Mond­finsternis vom 16. Juli 523 v. Chr. ein guter Griff, mit welchem Knobel das entsprechende Jahr des 19jährigen Zyklus finden will. Auf einer babylonischen Keilschrifttafel heiße es betreffs dieser Finsternis, daß dieselbe stattgefunden habe „on the 14th day of the Jewish month Tammuz“. Ganz abgesehen von dem Widerspruche, wie die


1) P. J. Hontheim, Die neuentdeckten jüd.-aram. Papyri von Assuan (Biblische Zeitschr., Freiburg i. Br., V. Bd., 1907, S. 225—234).

2) Die Zeit von 18h 22m, welche Hontheim für die Zeit des Neulichtes (erste Sichel) ansetzt (Das Todesjahr Christi u. die Danielsche Wochenprophetie. Zeitschr. Der Katholik, 86. Bd., 1906, 6. Heft, S. 16) ist nicht aus Beobachtungen abgeleitet und viel zu kurz. Man vergleiche hierüber vorliegendes Werk Bd. I, S. 93 und § 195 des II. Bandes.

3) E. B. Knobel, A suggested explanation of the anc. Jewish Calend. Dates in the Aramaic Papyri (Monthl. Notices of the Roy. Astron. Soc. vol. 68 p. 334—345).

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Babylonier des 6. Jahrh. v. Chr. dazu kommen sollten, über Ereignisse, die in ihrem Lande vorfielen, nach dem Kalender eines fremden Volkes, nach jüdischen Monaten zu datieren, ist in der babylonischen Tafel (Kamb. 400) nicht der Tammuz, sondern der babylonische Monat Du'uzu genannt1. Der Monat Dûzu hieß nur viel später, als bei den Juden die babylonischen Monatsnamen eingeführt waren, bei diesen der Tammuz. Außerdem kamen (s. oben S. 37 f.) die babylonischen Monatsnamen nicht sofort nach dem Exil (538 v. Chr.) in Israel in Gebrauch, sondern es dauerte vielmehr sehr lange, ehe diese Namen Verbreitung gefunden hatten. Mit dem Fortfall der Mondfinsternis fällt auch das Resultat, den 1. Tišri 523 v. Chr. auf den 29. Septb. zu setzen, und die daran geknüpfte weitere Folgerung. — Neben diesem Versuche, den Juden des 5. Jahrh. ein festes Schaltungs­system und einen Schaltzyklus zuzuschreiben, welchen andere Völker wie die Griechen, die den Juden astronomisch weit überlegen waren, erst viel später gefunden haben, muß noch die Hypothese von Gutesmann2 kurz berührt werden, welche aus den Daten der Papyri einen 25jährigen Schaltzyklus (mit 16 gewöhnlichen und 9 Schaltjahren) herausrechnen will. Gutesmann rekonstruiert das Datum des 1. Tišri für die obigen Daten No. 1—5 und 8—9 und löst die Diffe­renzen von Tagen der Daten untereinander in Vielfache der Mondjahre und Mond­monate auf. Er glaubt daraus auf das Vorhandensein eines Zyklus von 25 Mond­jahren plus 9 Mondmonaten schließen zu können. Aber abgesehen davon, daß ein solcher 25jähriger Schaltzyklus unter allen bekannten Zyklen, welche die Völker angewendet haben, der abnormste wäre, lehrt eine alte astronomische Erfahrung, daß man nur dann beim Aufsuchen von Perioden aus gegebenen Erschei­nungen auf ein verläß­liches Resultat rechnen darf, wenn die Daten eine mehr als hinreichende Zahl von Perioden umfassen und zahlreiche Stützpunkte abgeben. Dies ist bei den wenigen Daten, welche uns die Papyri darbieten und bei denen überdies die Regierungsjahre in 5 Fällen Zweifeln unterliegen, nicht der Fall. Das Ermitteln von Perioden bleibt daher mißlich und führt nur zur Selbst­täuschung. Der Hinweis, daß die Periode an die


1) Den Text des Finsternisberichts gibt mein Spez. Kanon d. Sonnen- u. Mondf. S. 258: šattu 7 Du’uzu 14 1 23 kaš-pu muši illikû Sin atalû gamru iššsakin i-ṣi i-ri-ḫi. Auf das Datum dieser Finsternis gründet Knobel die Gleichung 1. Tišri = 523 Septbr. 29. Das Jahr 523 sei das 16. Jahr des 19jähr. Zyklus, dem­nach 446 v. Chr. (Datum Nr. 4) das 17. Jahr des 4. darauf folgenden Zyklus. Wenn Knobel sagt: the rock, upon which this investigation is built, is the lunar eclipse at Babylon in the 7. year of Cambyses — so steht dieser „rock“ nicht sehr fest, scheint mir vielmehr ein sehr bedenkliches Fundament zu sein.

2) Gutesmann, Sur le calendrier en usage chez les Israélites au 5e siècle av. notre ère (Revue des Études juives, t. LIII, 1907, p. 194—200).

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[52 VIII. Kapitel. Zeitrechnung der Juden.]

25jährige Apisperiode der Ägypter erinnere, ist ebenfalls nicht gerecht­fertigt, denn wir wissen jetzt, daß eine 25jährige Dauer der Apis­periode überhaupt inschriftlich nicht nachweisbar ist und daß die Versuche, sie astronomisch zu erklären, unbe­gründet sind (s. I 180 f.). Die Entdeckung des Zyklus von Knobel hat auch J. K. Fotheringham sehr bedenklich gefunden1. Er kommt auf dieselben Daten wie ich und nimmt ebenfalls an, daß der Monat mit dem Neulichte begonnen worden sein muß. Dagegen glaubt er Schwierigkeiten sehen zu müssen in dem Umstände, daß die Differenz zwischen Neumond und Neulicht in den obigen Kalenderdaten öfters abweiche von jener, welche Epping für die Babylonier gefunden habe (18,8 bis 52,2 Stunden). Er meint deshalb, daß es sich in den Assuan-Papyri um einen besonderen, noch nicht bekannten Kalender handle, der von den Juden in Ägypten selbst, etwa von ihren Tempelpriestern, aufgestellt und gehandhabt worden sei. Allein einesteils bieten die Papyri nur zur Hälfte völlig sichere Daten, so daß man so weitgehende Schlüsse nicht wagen darf, und anderseits ist die Differenz zwischen Neumond und Neulicht eine sehr variable, ganz von der Mondstellung und der Jahreszeit abhängende Größe (s. I 93 Anm. 2). Mit dem ungefähren Mittelwerte von 1 14 bis 1 12 Tagen, der ja auch den babylonischen Tafeln entspricht, genügen, wie man aus den oben S. 47 Anm. 3 mitgeteilten Zahlen ersieht, die Neulichtdaten hinreichend den Daten der ara­mäischen Papyri.


1) Calendar Dates in the Aramaic Papyri from Assuan (Monthly Not. of the Roy. Astron. Society vol. 69, 1908, S. 12—20).

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