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[58 VIII. Kapitel. Zeitrechnung der Juden.]

§ 148. Die Ären in der zweiten Periode.

Von eigentlichen Ären, nämlich Jahreszählungen, die ein be­stimmtes Ausgangsjahr festhalten, sind in der zweiten Periode der jüdischen Zeitrechnung, abgesehen von der Rechnung nach den Jahren der Perserkönige (bei Haggai, Sacharja, Nehemia), drei zu unter­scheiden: die jüdische, welche „nach dem Exil“ zählt, die seleukidische und die Ära des Hohenpriesters Simon.

Die erstgenannte ist unter den drei die älteste. Sie zählt nach dem Exil, legalûthenu = „unseres Gefängnisses“ oder „unserer Gefangenschaft“ und findet sich bei Ezechiel vor. Ezechiel wurde nämlich 597 v. Chr. mit dem Könige Jojachin und den Vornehmsten des Landes ins Exil geführt, und er rechnet daher von diesem Jahre der Wegführung des Jojachin die Zeit1 an verschiedenen Stellen seines Werkes. Die Jahre sind jedenfalls nach babylonischem Jahres­anfänge, von Nisan ab gerechnet, also gegen das jüdische Tišri-Jahr um ein halbes Jahr voraus, z. B. sein 6. Jahr = Aug. Septbr. 592 v. Chr. Aus dem Zusatz „im 30. Jahre“ des Anfangs­kapitels des Buches Ezechiel (s. unten Anm. 1) hat man auf eine feste Ära schließen wollen, deren 30. Jahr gleich dem 5. des Ezechiel sei, indessen haben die hierüber aufgestellten Vermutungen zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. Man übersetzt jetzt den erwähnten Zusatz „als


1) I 1: Es geschah [im 30. Jahre] im 5. Jahre der Wegführung des Königs Jojachin im 4. Monat am 5. Tage das Wort Jahves zu Ezechiel. VIII 1: Es geschah im 6. Jahre im 6. (5.) Monat am 5. Tage ... XX 1: Es geschah im 7. Jahre im 5. Monat am 10. Tage ... XXIV 1: Und das Wort Jahves kam zu mir im 9. Jahre im 10. Monat am 10. Tage ... XXIX 1: Im 10, Jahre ... XXVI 1, XXXI 1: Es geschah im 11. Jahre ... XXXIII 21: Es geschah im 11. Jahre unserer Gefangenschaft .. (u. a.).

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ich im 30. Jahre stand“ und trifft damit wahrscheinlich das Richtige, daß nämlich Ezechiel meint, im 5. Jahre des Exils sei er 30 Jahre alt gewesen. Ezechiel nennt auch das 14. Jahr der Zerstörung der Stadt1. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels fiel nach Jeremia2 auf den 10. Tag des 5. Monats des 19. Jahres des Nebu­kadnezar d. h. nach dem Ptolemäischen Kanon in den Sommer 586 v. Chr. Die Rückkehr der Juden aus dem Exil erfolgte erst 538 v. Chr. Inzwischen war, wie es heißt3 im 37. Jahre der Weg­führung, der König Jojachin durch einen der Nach­folger Nebukadnezars wieder zu solchen Ehren erhoben worden, daß er als wieder­eingesetzter judäischer Fürst gelten konnte. Diese bedeutsame Zeit, in der von den Juden die Wiederaufrichtung Judäas erwartet wurde, kann eben­falls die Ausgangsepoche einer Jahreszählung geworden sein; wenigstens scheinen Spuren, die sich in der älteren Fassung des Danielbuches vorfinden, auf eine solche hinzudeuten.

Die seleukidische Ära haben wir bei den Orientalen schon mehrfach, bei den späteren Babyloniern, bei den Mohammedanern und Persern, selbst in Indien angetroffen (I 136. 263. 305). Es wurde bemerkt, daß diese Ära sich im 3. Jahrh. v. Chr. von Mesopotamien aus verbreitet hat, im 2. Jahrh. erscheint sie bei den Syrern und Juden. Bei den letzteren zählen die beiden Makkabäerbücher nach ihr die Jahre unter der Bezeichnung „Jahre des griechischen (syrischen) Reichs“ (z. B. „er regierte im 137. Jahre der Herrschaft der Griechen“), und in den Käufen, Verträgen und anderen bürgerlichen Rechts­geschäften führt die Ära den dieser Verwendung entsprechenden Namen בנין שטרות minjân šeṭarôth = „Zahl (oder Zählung) der Kontrakte“. Sie hat sich bei den Juden bis ins 11. Jahrh. erhalten; in einem Gutachten vom Jahre 986 des R. Scherira Gaon, Vorstehers der Schule zu Phiruz-Schapur (gest. etwa 1019 n. Chr.), sind die Jahres­zahlen noch nach der seleukidischen Ära angegeben. Mit dem Auf­kommen der jüdischen Weltära (s. unten S. 79) verfiel die seleukidische bald. — Die Ära beginnt mit dem Herbst 312 v. Chr. Nach dem Tode Alexanders d. Gr. verbreiteten sich nämlich die makedonischen


1) Ezechiel XL 1: Im 25. Jahre unserer Gefangenschaft, am Anfange des Jahres am 10. Tage, im 14. Jahre, nachdem die Stadt eingenommen war.

2) Jerem. LII 12: und im 5. Monat am 10. des Monats, im 19. Jahre der Regierung Nebukadnezars von Babel kam der Trabantenoberst ... des Königs von Babel .... 13: Er verbrannte das Haus Jahves und die Königsburg ....

3) II Kön. XXV 27: Im 37. Jahre der Wegführung des Königs Jojachin von Juda im 12. Monat am 27. des Monats brachte der König Ewil-Merodach von Babel — in dem Jahre, in welchem er König wurde — den König Jojachin aus dem Kerker wieder zu Ehren ... [Amel-Marduk regierte bis 560. Nach Tiele, Bab.-assyr. Gesch. 457, erfolgte die Begnadigung 559—56 unter Nergal-šarussur.]

[60 VIII. Kapitel. Zeitrechnung der Juden.]

Monatsnamen nach Kleinasien und Syrien; das makedonische Jahr nahm aber seinen Anfang im Herbst mit dem Monat Dius (gegen Ende September). Verschie­dene Städte und Völkerschaften in Klein­asien übernahmen diesen Jahresanfang, andere, namentlich die süd­lichen, den Juden benachbarten Syrer, Antiochier, Tyrer u. a. fingen mit dem Hyperberetaeus (Oktober) an. Letzterer Monat ist bei den Syrern der Tišrin I, gleichkommend dem Tišri der Juden. Hierdurch erklärt sich auch der Herbstanfang der seleukidischen Ära.

Eine besondere Erwähnung bedarf noch der Gebrauch der seleukidischen Ära in den Makkabäer­büchern. Während, wie eben gesagt wurde, die seleuki­dische Ära mit dem Herbst beginnt, sind im ersten Makkabäer­buch Hinweise vorhanden, welche auf das Früh­jahr als Jahresanfang deuten. Es heißt nämlich IV 52: „Am 25. Tage des neunten Monats, welcher Kislev genannt wird“; X 21: „Im 7. Monat am Laubhüttenfest“; ebenso ist XIII 51 der Monat Ijar der zweite Monat und XVI 14 der Šebaṭ der 11. Monat; die Zählung geht also vom Nisan als erstem Monat aus d. h. vom Frühling. Man kann etwa drei Gründe für die Rechnung nach dem Frühjahre im ersten Makka­bäerbuche anführen:

a) Nach der Erzählung des 1. Makkabäerbuchs (VII 1) bemächtigte sich Demetrios I. im Jahre 151 sel. Ä. des Thrones von Syrien. Der von ihm gegen die Makkabäer entsandte Nikanor verlor „am 13. Adar“ die Schlacht (das Jahr wird nicht gemeldet); „im ersten Monate“ 152 sel. Ä. schickte Demetrios ein neues Heer nach Palästina. Nikanors Niederlage muß also am 13. Adar 151 stattgefunden haben; „der erste Monat“ 152 kann nur der Nisan sein. Beide Ereignisse sind sicher schnell aufeinander gefolgt, daher kann die Überein­stimmung in der Datierung nur unter der Annahme hergestellt werden, daß das Jahr vom 1. Nisan an gerechnet wird, sonst (bei Herbst­beginn) würden 13 Monate Zwischenraum entstehen (Adar und Nisan folgen im ersteren Falle unmittelbar aufeinander).

b) Im X. Kapitel (1—21) wird berichtet: Alexander (Balas) trat 160 sel. Ä. gegen Demetrios I. auf; letzterer bewarb sich um die Gunst des Makkabäers Jonathan. Während Jonathan daran ging, die Schäden, die Jerusalem im Kriege erlitten hatte, auszu­bessern, suchte auch Balas die Freundschaft des Jonathan zu ge­winnen und machte letzteren zum Hohenpriester; das Purpur­gewand für diese Würde legte Jonathan im 7. Monat 160 sel. Ä. am Laubhüttenfeste an. Da man für den Verlauf dieser Er­eignisse mindestens mehrere Monate annehmen muß, so muß das Jahr vom Nisan an gerechnet sein, sonst würden, wenn das Jahr mit dem Herbste (1. Tišri) begonnen hätte, nur 14 Tage (1. bis 15. Tišri = Laubhütten) für die erzählten Begebenheiten übrig bleiben.

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c) Ferner wurde bei den historischen Sabbatjahren darauf hin­gewiesen (s. oben S. 53), daß das Jahr 150 sei. Ä., in welchem Antiochus Eupator und Lysias die Feste Bethzur belagerten, im 1. Makkabäer­buche von Frühjahr aus gerechnet ist.

Die Ursache, warum im 1. Makkabäerbuche um ein halbes Jahr gegen die in Syrien gebrauchte seleukidische Ära abweichend datiert wird, ist nicht bekannt. Man kann nur darauf hinweisen, daß damals eine Reihe von Städten nach besonderen eigenen Ären zu rechnen begann und daß im Jahresanfänge wenig Übereinstimmung herrschte. Die Damascener und die Araber des römischen Arabien z. B. begannen nach Simplicius das Jahr mit dem Frühling; die Münzen von Damas­kus datieren aber nach der seleuk. Ära. Es ist auch noch nicht entschieden, ob der Anfang der seleuk. Ära im Makkabäerbuche ein halbes Jahr vor oder nach der gewöhnlichen, obengenannten, also im Frühjahr 312 oder 311 v. Chr. liegt. Es werden Gründe für beide Anfänge geltend gemacht; Gibert, Unger und Winckler nehmen das Frühjahr 311 an1.

Was die seleuk. Ära des zweiten Makkabäerbuches betrifft, so hatten die älteren Chronologen angenommen, daß dort nach syrischer Weise, nämlich vom Herbst an gerechnet werde. Ideler (Handb. I 533) hat aber Gründe vorgebracht, die eine Verschiedenheit der Epochen beider Makkabäerbücher gegeneinander von 1 12 Jahren beweisen sollen. Nach E. Schürer, auf dessen Ausführungen ich verweise2, ist es Jedoch nicht notwendig, eine besondere Ära für das 2. Makkabäerbuch an­zunehmen.

Die dritte Ära, welche in der zweiten Epoche der jüdischen Zeit­rechnung vorkommt, ist die des Hohenpriesters Simon. Josephus berichtet hierüber3: „Simon, vom Volke zum Hohenpriester erwählt, befreite dasselbe im ersten Jahre seines Amtes von der Herrschaft der Makedonier (Seleukiden), so daß es ihnen keinen Tribut weiter zahlte. Diese Befreiung von der Zinsbarkeit fand statt im 170. Jahr des syrischen Königreichs, seit Seleukus, mit dem Beinamen Nikator, Syrien in Besitz genommen. Und so sehr ehrte das Volk den Simon, daß es nun in den Kontrakten und Staatsakten zu schreiben anfing: im ersten Jahre Simons, des Wohltäters und Ethnarchen der Juden.“ Hier handelt es sich um die Zeit der Kämpfe, in welcher Simon, der Bruder des Makkabäers Jonathan, sich von der syrischen Herrschaft unabhängig zu machen suchte. Als Demetrios II. in Judäa keine Macht mehr besaß, benützte dies Simon, um, während er jüdische


1) Die Ära würde dann mit der Rechnung ϰατὰ Χαλδαίους identisch sein (s. I 136).

2) E. Schürer, Gesch. d. jüd. V. im Zeitalt. J. Christi, I 39.

3) Antiq. Iud. XIII 6, 6; I Makkab. XIII 33-42.

[62 VIII. Kapitel. Zeitrechnung der Juden.]

Städte befestigte, durch eine Gesandtschaft bei Demetrios für das Land Steuerfreiheit zu erhalten. Letzterer mußte einwilligen und erließ nicht nur die rückständigen Abgaben, sondern sicherte dem Lande auch Steuerfreiheit für die Zukunft zu1. Durch dieses erzwungene Zugeständnis konnte sich Judäa nunmehr als selbständig betrachten. Man datierte deshalb nun Urkunden nach diesem 170. Jahre der seleuk. Ära (Herbst 142 v. Chr.), indem dieses als erstes des Volks­befreiers Simon gezählt wurde, z. B. „Im 1. Jahre des Hohen­priesters, Heerführers und Volksfürsten Simon2. Verschiedene Münzen, welche gefunden worden sind und welche den Namen Simon oder auch die Bezeichnung „Im Jahre der Loskaufung Israels“ tragen, sind nach Ansicht der Numismatiker von der erwähn­ten Epoche zu datieren. Es sind bis jetzt nur solche Münzen gefunden, die bis zu der Jahres­zahl V gehen. Da aber Simons Patriarchat acht Jahre gewährt hat, so sollten noch weitere Stücke mit den Jahreszahlen VI und VII zu erwarten sein, indes haben diese Münzen noch nicht nachgewiesen werden können. Merzbacher will deshalb annehmen, daß die Ära Simon um zwei Jahre fehlerhaft sei und daß nicht das Jahr 170 S. Ä., sondern erst das dritte Jahr Simons 172 S. Ä. = 140 v. Chr., in welchem das Volk dem Simon die erbliche Hohepriesterwürde über­trug, als Anfangsjahr der Ära angesehen werden müsse. Diese Hypo­these hat Schürer als unwahrscheinlich abgewiesen3.

Außer diesen drei vorgenannten Ären können hier noch kurz die Jahres­zählungen einzelner griechischer Städte in Palästina genannt werden; verschiedene der letzteren erlangten nämlich (viele schon unter Pompejus) zur Römerzeit ihre Selbständigkeit und hatten dadurch eigenes Münzrecht. Die wichtigsten Städte-Ären (meist nach den Münzfunden) sind: Raphia (Südjudäa) hatte eine Ära, welche mit der Neugründung der Stadt durch Gabinius (57 v. Chr.?) anfängt; — Gaza rechnete (nach Grabinschriften) vom Herbst 61 v. Chr.; — Askalon erhielt seine Selbständigkeit 104 v. Chr. und datierte nach diesem Jahre, vereinzelt kommt eine andere Ära von 57 v. Chr. vor; — Dora (nördlich von Cäsarea), die Ära dieser Stadt beginnt 63 oder 59 v. Chr.; — Damaskus, seleukidische Ära, gerechnet vom Früh­jahr (schon oben S. 61 genannt); — die Städte Hippus, Gadara, Abila, Kanatha, Pella, Dium hatten die mit dem Jahre 64 v. Chr. beginnende Ära Pompejana; — die Ären von Skythopolis und Gerasa (Herbst 63 v. Chr.). Die vor­erwähnten Städte bildeten (zur Zeit des Pompejus) selbständige Gemeinden in Palästina und waren nur äußer-


1) Grätz, Gesch. d. Juden, III, 4. Aufl., S. 566.

2) Grätz, Gesch. d. Juden, III, 1878, S. 58; über die Simonschen Münzen daselbst S. 66.

3) Gesch. d. jüd. V. im Zeitalt. J. Christi, I, 1901, S. 244—5.

[§ 149. Die Übergangszeit in der Neumondbestimmung etc. 63]

lich an das jüdische Gebiet angegliedert. Die Ären einiger von Herodes und seinen Söhnen neugebauter oder erst gegründeter Städte sind noch nicht sicher: Sebaste (Samaria) Ära 25 oder 27 v. Chr.; Gaba(?), Caesarea Panias, 3 oder 2 v. Chr.; Tiberias (nicht früher als 17 n. Chr.)1. Im III. Bande kommen wir auf diese und andere Ären zurück.

Zu den Jahreszählungen der Juden sind noch die beiden spät­jüdischen, die sich im Buche Daniel und im Buche der Jubiläen vorfinden, zu erwähnen. Beide rechnen nach Vielfachen der Zahl sieben2; Daniel nach „Jahrwochen“ (nämlich 7 Jahre), ganzen und halben Jahrwochen und Vielfachen der Jahrwochen, sowie nach „Zeiten“; das Buch der Jubiläen rechnet nach „Wochen von Jahrwochen“ (49 Jahre), indem es die Chronologie des Pentateuchs nach Abschnitten von 49 Jahren anordnen will.


1) Details über diese Ären und ihre Literatur s. bei Schürer, Gesch. d. jüd. V. im Zeitalt. J. Christi, II, 3. Aufl. 1898, S. 82—173. — E. Schwartz, Die Ären von Gerasa u. Eleutheropolis (Nachr. d. K. Ges. d. W. in Götting. Phil.-hist. Kl., 1906, S. 340— 395); W. Kubitschek, Kalenderstudien (Jahreshefte d. österr. archäol. Instit. in Wien, VIII, 1905, S. 87-91).

2) Daniel IX 24: Siebenzig Siebende sind bestimmt über dein Volk und über deine heilige Stadt ... 25: Vom Ausgang des Wortes, daß Jerusalem wieder erbaut werden soll, bis auf einen Gesalbten, einen Fürsten, sind 7 Siebende und 62 Siebende, wird (Jerusalem) wiedergebaut werden. — s. C. H. Cornill, Die 70 Jahrwochen Daniels, Königsberg 1889; R. Wolf, Die 70 Jahrwochen, Leipz. 1889.

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