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§ 164. Amerika.

Bei den Peruanern war bekanntlich die göttliche Verehrung der Sonne sehr ausgebildet und reicht schon vor das Auftreten der Inka zurück. Es gab eine große Menge von Sonnentempeln mit geordnetem Sonnendienst, jeder größere Ort besaß einen Tempel (der große in Cuzco, das Nationalheiligtum im Tale Pachacamac). Trotzdem ist die Grundlage der altperuanischen Zeitrechnung nicht die Sonne, sondern der Mond. Die 12 Mondmonate wurden durch Schaltungen mit dem Sonnenjahre in Übereinstimmung gebracht. Die dabei befolgte Methode ist nicht bekannt1. Herrera überliefert, daß im Jahre 12 Schalttage verwendet worden seien. Diego Fernandez berichtet, daß im 1. Monate meist Festlichkeiten stattfanden, der 2. und 3. war den Feldarbeiten gewidmet, im 4. wurden die Festkleider von den Weibern gewebt, im 5. wurde chicha in großer Menge bereitet, im 6. war das Fest der Ohrendurchlochung, im 7. fanden militä­rische Übungen statt, im 8. religiöse (?) Orgien, der 9. war dem Feldbau, der 11. und 12. der Maisernte gewidmet. Den Anfang des Jahres setzt Fernandez in den Juni, auch andere Schriftsteller nennen das Sommersolstiz; dagegen fiel der Jahresanfang nach Acosta, Garcilaso, Balboa, A. Herrera in den Winter. Nach dem Letztgenannten habe der Jahresanfang ehemals im Januar stattgefunden, sei aber später in den Dezember verlegt worden; das Wintersolstiz scheint wenigstens seit der Zeit des Inka Pachacutec, der den Kalender und das Religionswesen reformierte, als Jahresbeginn angenommen gewesen zu sein.

Während über das Zeitrechnungswesen der Naturvölker Süd­amerikas wenig bekannt und manches — wie der Bericht Molinas über ein wohlgeordnetes Sonnenjahr von 365 Tagen bei den Arau­kanern, den auch Al. v. Humboldt verwertet hat — recht zweifelhaft ist, sind wir jetzt über die Zeitrechnung der Indianer Nordamerikas ziemlich gut unterrichtet durch die Forschungen der Mitglieder des Bureau of Ethnology in Washington. — Das Jahr der Hopi (Moki) in Arizona ist charakterisiert durch eine Reihe eigentümlicher Zere­monien (Katcinas), welche nach einem bestimmten System sich über das Jahr erstrecken, jedoch nicht in jedem Jahre in gleicher Anzahl gefeiert werden. Die Feier der Zeremonie wüwütcimti, welche etwa auf die Wiederkehr des Lebens im Kreislaufe der Natur gedeutet werden kann und gewöhnlich im November stattfindet, bestimmt die Art des Zeremonialjahrs. Es gibt etwa 8 oder 9 Hauptzeremonien,


1) Wie Acosta, Garcilasso, Cieza de Leon, Ant. Herrera angeben, wurden dabei 12 Pfeiler oder Türme in der Nähe von Cuzco benützt; diese Pfeiler be­zeichneten die Punkte des Sonnenaufgangs an gewissen Tagen der einzelnen Monate.

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die auf ebensoviel Monate verteilt sind. Die Zeiten dieser Feste werden von den Hopi-Priestern aus der Bewegung der Sonne bestimmt und finden statt, wenn die Sonne bei dem Auf- oder Untergange ge­wisse Punkte des Horizonts erreicht hat. Man hat 13 solcher Punkte, von denen jeder einen Namen führt. Der Hauptpunkt, von welchem aus gerechnet wird, heißt tawaki, die Punkte des Sonnenaufgangs beim Wintersolstiz und Sommersolstiz, welche ebenfalls durch Beobachtungen (d. h. Festlegung mittels terrestrischer Marken) angegeben werden, heißen tatyüka resp. tüyüka. Die Zeremonie soyaluna fällt auf das Wintersolstiz. Wieviel Monate das Jahr ausfüllen, ist nicht sicher angebbar, da die Priester selbst 13, andere 12 und 14 aufzählen. Auf den Mond (mü'iyawû) weist die an jeden Monatsnamen angehängte Kopula iyawû, der synodische Mondmonat kann aber, wenn 13 Monate existieren, nicht dem Jahre zugrunde liegen; man wird deshalb an­zunehmen haben, daß es sich dabei um eine Rechnung nach der side­rischen Mond­bewegung, ähnlich wie bei der kenong-Rechnung der Atchinesen (I 428) handelt. Die Verbindung dieser Rechnung mit dem Sonnenjahre (den Festzeiten) wird offenbar durch die Beobach­tung der oben erwähnten 13 Sonnenpunkte bewerkstelligt. Von den Monaten hat die eine Hälfte keine eigenen Namen, sondern es werden mehrere, nämlich 5 nur aus dem andern Halbjahr wiederholt, (s. unten), ein Gebrauch, der sich in ähnlicher Weise auch bei andern Indianer­stämmen findet. Folgende sind die Namen der 13 Monate und der Haupt-Katcina; daneben ist der ungefähr entsprechende Monat unserer Jahresrechnung angesetzt:


MonateZeremonial
1.kelemü'iyawûwüwütcimti (November)
2.kyamü'iyawûsoyaluna (Dez.) Wintersolstiz
3.pamü'iyawûRückkehr der katcina (Januar)
4.powa'mü'iyawûpowamû (Februar)
5.ü'cümü'iyawûpalülükonti(März)
6.kwiyaomü'iyawû
(April)
7.hakitonmü'iyawû
(Mai)
8.kelemü'iyawû
(Juni)
9.kyamü'iyawûnimân (Juli)
10.pamü'iyawû(Schlangenfest) (August)
11.powa'mü'iyawûlalakonti (September)
12.hüükmü'iyawû

13.ü'cümü'iyawûmamzraûti (Oktober)

Ähnlich dem Hopi-Jahre ist das Jahr der Zuni (westl. Neumexiko), nur scheint es besser der Sonne angepaßt zu sein. Die Sonnenpriester

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(pe'kwin) wissen den Hauptpunkt des Jahres, das Wintersolstiz (yä'tokaa i'tiwannan kwi te'tchi = Ort des Sonnenvaters Mitte) auf einige Tage sicher anzugeben, indem sie von einem Steine austäglich den Ort der Sonnenaufgänge verfolgen. Ebenso wird der Tag des Sommersolstiz bestimmt; beide Bestimmungen geben zu Opfern und mehrtägigen weitläufigen Zeremonien Anlaß1. Die Monate (te'lakwaïi) werden vom Wintersolstiz aus gezählt, die Namen der Sommermonate sind dieselben wie die der Wintermonate, obwohl die Bedeutung der Namen nicht auf den Sommer paßt, wohl ein Beweis, daß eigentlich nur nach Halbjahren gerechnet wird. Die Zuni benennen nur die ersten 5 Monate mit Namen, der sechste ist unbenannt. Die Monats­namen sind:

Die Zahl der Monate im Jahre ist wahrscheinlich zwölf, darauf deutet auch der Name der Unterabteilungen des Monats; jeder Monat zerfällt nämlich in drei Dekaden, ein jeder solcher Teil heißt topinta as'temtla = „eins zehn“ = Einzehntel. Der Monat wird also augenscheinlich zu 30 Tagen gerechnet.

Der Jahresanfang mit dem Herbst oder Winter, sowie die Rechnung nach Halbjahren, in denen die Monats­bezeichnungen für beide Halb­jahre die gleichen sind, ist der über­wiegenden Zahl der nordameri­kanischen Indianerstämme eigentümlich. Bezüglich des Winterbeginns scheinen die Klamath- und Modok-Indianer eine Ausnahme zu machen; nach Clark beginnen sie das Jahr nach der Zeit, wenn alle Ernte- und Wintervorräte eingebracht sind, Ende August. Die Zahl der Monate schwankt zwischen 12 bis 14, bei einigen Stämmen ist dabei mehr der Mond, bei andern bloß die Einordnung in ein Naturjahr maßgebend. Die Hidatsa und Mandanen (an den Black Hills) haben (nach Matthews) mehr als 12 Monate, welche nach dem jähr­lichen Tier- und Pflanzen­leben benannt und geordnet sind. Jahres­zeiten als Unter­abteilungen des Jahres werden unterschieden, sie sind jedoch von ungleicher Länge, so daß die eine Jahreszeit 3, die andere 4 Monate umfaßt. Die Pawnee haben abwechselnd 12 und 13 Monate, mit Winteranfang. Die Jahreszeiten (pi cikut = Winter, ora rekaru = Frühling, li ut = Sommer, lets kuki = Herbst) haben regulär je


1) Ausführliche Beschreibung solcher Solstizial-Zeremonien bei M. C. Stevenson S. 108—162.

Ginzel, Chronologie II. 10

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3 Monate; der Schaltmonat (usarer 'ahu) wird von Zeit zu Zeit und zwar gewöhnlich am Schluß des Sommers eingelegt. Über das Jahr, in welchem die Schaltungen vorge­nommen werden müßte, sind sie oft im Zweifel; es finden Versammlungen und Beratungen statt, die indes vielfach resultatlos verlaufen, da sie mit der Schaltung nicht zurecht kommen (Dunbar). Die Dakota und Cheyenne kennen (nach Mallery) nur 12 Mondmonate, jedoch benannt nach den physischen Erscheinungen des Jahres und mit dem Winter beginnend. Sie sind in dem Bemühen, eine erträgliche Überein­stimmung des Mondjahrs mit dem Naturjahre herzustellen, ebenso unsicher wie die Pawnee. Die Kiowa (westliches Arkansas) beginnen ihr Jahr im Herbst (Oktober) oder mit dem ersten Schneefall. Etwa 12 bis 14 Monate füllen das Jahr; die Länge der Monate (p'a) ist sehr unbestimmt; es handelt sich bei der Jahresteilung darum, eine größere Anzahl Jahres­abschnitte zu haben, in welchen man die für die Jagd, Viehzucht usw. wichtigen Zeiten unterbringen kann. Der Mond scheint bei der Zeit­einteilung keine Rolle zu spielen; den Anfang der Jahreszeiten saigya oder sai = Winter, asegya = Frühling, paigya oder paita, pai = Sommer und paongya = Herbst, läßt man gern mit einem Vollmonde beginnen. Die Sommer werden gewöhnlich nach kados (Sonnentänzen) gezählt, welche alljährlich um die Zeit, wo der Flaum der Baumwollstauden sich zu zeigen anfängt (vom Juni an), abgehalten werden. Wochen oder ähnliche Gruppierungen von Tagen waren den Kiowa unbekannt, in neuerer Zeit zählen sie indes auch nach Sonntagen; die Tage der Woche numerieren sie als 2. 3. 4. 5. Tag vom Sonntag ab, der Sonnabend heißt „kleiner Sonntag“. Monatsnamen haben sie nur 7 und zwar für das Winterhalbjahr, die Monatsnamen für den Sommer sind zum Teil die gleichen wie für den Winter. Die folgenden Monats­bezeichnungen nach Mooney gelten unter der Annahme, daß das Jahr nur 12 Monate hat:

  1. „Zehn-kalter“ Monat (Oktober). So benannt nach den ersten 10 Tagen, die das Jahr einleiten und meist kalt sind.
  2. „Warte bis ich komme“ (November)1
  3. „Gänsewanderung“ (Dezember). Anfang des Gänsewanderns.
  4. Wirkliche oder große Gänsewanderung (Dezember).
  5. Kleiner Knospenmonat (Januar, Februar).
  6. Großer Knospenmonat (März). Frühlingsbeginn.
  7. Blättermonat (März, April).

Die Sommermonate 8, 9 und 10 haben die Namen des 2. 3. und 4. Winter­monats; der Name der Gänsewanderung bezieht sich hier auf den


1) Die Mondfinsternis vom 4. November 1892 fiel nach dem Anko-Kalender in diesen Monat.

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Rückzug der Wildgänse nach Norden im April und rührt aus der Zeit her, als die Kiowa noch nördlicher wohnten und die Jahreszeiten später fielen. Jetzt werden die Gänsemonate 9 und 10 vom Mai bis Juni/Juli gerechnet. 11. Kleiner Monat des Verlierens der Hörner (der Tiere) Juli/August. 12. Großer Monat des Verlierens der Hörner. Sommerende. — Bei den Teton-Sioux und Cheyenne, bei welchen das Jahr ebenfalls mit dem Spätherbst anfängt, sind die entsprechenden Monate (nach Clark):

  1. Monat des Blätterfalls.
  2. Befruchtung der Büffelkuh.
  3. Zeit, wo die Wölfe zusammenlaufen.
  4. Zeit, wo sich das Fell des Jungen der Büffel färbt.
  5. Zeit, wo deren Behaarung stärker wird.
  6. Zeit der entzündeten Augen.
  7. Zeit, wo die Taucherente kommt.
  8. Zeit, wo das Gras grün und einige Wurzeln eßbar werden.
  9. Zeit des Kornpflanzens.
  10. Die Büffelkühe sind im Gedeihen.
  11. Zeit, wie die Pflaumen sich röten.

Die Jahresrechnung der nordamerikanischen Indianer ist meist die nach Wintern; man zählt einen Winter, zwei Winter usw. statt ein Jahr, zwei Jahre; so sagen die Kiowa „pägo sai“ = ein Winter d. i. ein Jahr. Die Pawnee, Dakota, Cheyenne u. a. zählen die Jahre in dieser Weise und geben auch das Alter von Personen nach Wintern an. Zur Zählung längerer Intervalle benutzt man als Ausgangspunkt die Jahre ungewöhnlicher Trockenheit, des Ausfalls der Ernte u. dgl. Bei den Pawnee werden 10 oder 12 Jahre als „lange her“ bezeichnet. Die Notwendigkeit, wichtige Vorfälle und Ereignisse zu notieren und der Erinnerung daran ihrer Nachkommenschaft zu überliefern, führte einzelne Stämme, bei denen die Bilderschrift ausgebildet ist, zum Entwürfe von chronologischen Aufzeichnungen, die man als historische Kalender oder als x4.nfänge von bilderschriftlichen Annalen bezeichnen kann. Von den Kiowa sind bis jetzt 4 solcher Kalender bekannt, welche die Ereignisse durch Bilder ausdrücken. Die Jahreskalender fangen mit dem Winter an; ein Monatskalender der Kiowa geht nach Monaten und umfaßt 37 Monate. Ein auf Büffelhaut aufgezeichneter Kalender, welcher 1833 anfängt, ist z. B. so angeordnet, daß die Bilder spiral­förmig, mit dem 1. Jahre an der Randseite beginnend, nach innen laufen; schwarze breite Striche, die Winter andeutend, scheiden die Jahre voneinander, über denselben ist durch die Zeichen der Bilder­schrift das wichtigste Ereignis des betreffenden Jahres angedeutet. So heißt das Jahr 1833 der „Sternfall-Winter“, da der Meteoritenfall

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vom November 1833 notiert wird (diese denkwürdige Erscheinung wird auch in Dakota-Kalendern vermerkt); das Jahr 1839 ist der „Blattern-Winter“, das Jahr 1840 der „Hautköcher-Winter“ (von einer kriegerischen Unternehmung, bei welcher Köcher aus Büffelleder ge­braucht wurden). Bei den Delawaren wurde 1820 der Walam Olum entdeckt, ein Kalender, welcher eine Geschichte des Delawarenstammes bis 1610 dar­stellen will. Die Dakota besaßen die Lone-dog winter count, welche von 1800—1871 lief; außerdem hatten sie noch andere Kalender, die weiter zurückreichen. Es scheint auch, daß die Apachen und Sioux ihnen wichtig gewesene historische Jahre durch Bilder­schrift oder durch Errichtung öffentlicher Marken für die Erinnerung der Nachkommenschaft festzuhalten gesucht haben.

Von den nördlichen Indianerstämmen seien hier nur die Kaiganen (zu den Haida der Königin-Charlotten-Insel gehörig) und die Nutka hervorgehoben. Nach Radloff haben die ersteren ein Mond­jahr (Lunisolarjahr), denn sie gehen bei ihren Monaten von der ersten Sichel aus; die Tage des Monats zählen sie als Nächte vom Neumond und vom Vollmond an. Die Zahl der Monate ist unbestimmt. Es mag hier noch bemerkt werden, daß die südlichen Indianer der Ver­einigten Staaten, die Pawnee, Kiowa u. a. Gruppen von Tagen als Nächte angeben, besonders wenn es sich darum handelt, die Dauer von Wanderungen oder Reisen anzugeben. Die Kiowa sagen z. B., es sei; pägo kon, yia kon ... eine Nacht (kon = Dunkelheit), zwei Nächte ... weit gewesen. — Das Jahr der Nutka (Vancouverinsel) fängt wie das der südlichen Indianer (nach Sproat) im Spätherbst, November an und hat 13 Monate. Die Monatsnamen beziehen sich auf den Fischfang, das Laichen gewisser Fische, die Reife von Beeren u. dgl.

Wir wenden uns noch zu einer kurzen Betrachtung der Zeit­rechnung einiger Stämme der Eskimo. Die ostgrönländischen Eskimo (unter 67° n. Br.) rechnen (zufolge der dänischen Forschungsexpedition von 1886) nach dem Mondjahre und beginnen dasselbe mit der ersten Sichel, nachdem sich der Stern Asît (α Aquilae = Atair) zum ersten­mal wieder in der Morgendämmerung gezeigt hat. Da der heliakische Aufgang von α Aquilae gegenwärtig für 67° n. Br. etwa anfang Dezember stattfindet, so ist das Eskimojahr ein Spätherbst- oder Winterjahr wie das der meisten andern nordameri­kanischen Natur­völker. Das Mondjahr scheint in der Weise mit dem Naturjahre in ungefähre Übereinstimmung gebracht zu werden, daß man von Zeit zu Zeit den Jahresanfang vor und nach jenem Zeitpunkt, bis zur Zeit des Winter­solstitiums verschiebt. Die Monate haben keine Namen, sie werden nur nach der Ordnungszahl vom ersten Neumonde an numeriert. Den Stern nelarsik (Wega) benützen diese Eskimo, um anzugeben, wenn es Nacht (finster) wird; die Zeit des Erscheinens des

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Sterns Atair am Morgen kennen sie aus der Erfahrung. — Die Stämme an der Hudsonbay, im Baffinland, am Schwarzfluß und Smithsund haben ein 13monatliches Jahr; die Monatsnamen sind je nach den Stämmen sehr verschieden. Der Mondmonat bildet die Grundlage und die Tage werden nach dem Alter des Mondes bezeichnet. Den 13. Monat vernachlässigt man je nach Notwendigkeit für einige Jahre; man be­nutzt hierzu die Zeit, wenn die Sonne überhaupt nicht mehr über den Horizont kommt; der auszuschaltende Monat heißt deshalb siringilang (= ohne Sonne, oder „die Sonne ist nicht“). Die Tage, an welchen die Dämmerung am Horizonte stärker wird, heißen qaumartenga und der Tag, an welchen die Sonne wieder sichtbar wird, heißt siriniktenga (= neue Sonne). Da diese Stämme auch die wichtigsten Sternbilder kennen (Tuktugdjung = gr. Bär, Sakietaun = Plejaden, Udleqdjun = Orion u. a. m.), so ist annehmbar, daß sie deren Aufgänge bei der Regulierung ihres Jahres benutzen (Boas). — Die Labrador-Eskimo (am Koksoakflusse im Ungava-Lande) haben ein Winterjahr; das Winter­solstiz bildet den Anfang. Die Zeit beider Solstitien werden nach dem Azimut der Sonne mit Hilfe fester Landmarken (wie bei den Indianern) ermittelt. Das Sommerhalbjahr wird, obwohl es in diesen Gegenden weit kürzer ist als das Winterhalbjahr, in eine größere Zahl Monate oder Phasen zerlegt als der Winter, entsprechend dem schnelleren Wechsel der Naturvorgänge des Sommers. Man hat etwa 14 Bezeichnungen für die Phasen des Jahres (nach Turner): Rück­kehr der Sonne (vom Volke freudig begrüßt). Zunehmen der Tage, die Sonne steigt, der Schnee schmilzt (Winterphasen); das Eis bricht, offenes Wasser, Zeit der Seehunde, Vögel aus dem Süden, Nisten der Möven, Zeit der Wale, Lachsfang, Reife der Beeren, Zeit wo die Renntiere durch die Flüsse schwimmen, Jagd der Pelztiere (Sommer­phasen). — Die Eskimo an der Behringstraße rechnen nach Wintern; es werden etwa 13 Monate benannt. Das Jahr fängt mit der rauhen Jahreszeit an. Die Monatsbezeichnungen bei diesen Eskimo, bei den Unaliq (am Nortonsund) und am Yukonflusse folgen dem schon für die sibirischen Stämme angegebenen Modus: der Fang des Lachses, das Kommen und Gehen der Wildgänse usw. gibt Anlaß zu den ver­schiedenen Benennungen (Monatsnamen bei E. W. Nelson). — Den gleichen Charakter haben die Monatsbezeichnungen bei den Konjagen (auf der Insel Kadjak) und bei den Bewohnern der Aleüten (nach Schiefner). Ich setze noch beide hierher: 1. Plejadenaufgang, 2. Orion­aufgang, 3. Reifmonat, 4, Erster Schnee, 5. Frostmonat, 6. der sechste Monat, 7. Getrocknete Fische, 8. Eisbruch, 9. Rabeneier, 10. Vogel­eier, 11. Seerobben, 12. Seeschweine [bei den Konjagen]; 1. „Man nagt noch Riemen“, 2. Man nagt zum letztenmal Riemen, 3. Blümchen­monat, 4. Tierjunge, 5. Fette Tierjunge, 6. Warmer Monat, 7. Federn

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und Behaarung der Tiere, 8. Jagdzeit, 9. Nach der Jagdzeit, 10. See­löwen, 11. Langer (großer) Monat, 12. Seerobbenmonat [bei den Aleüten].

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