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[150 IX. Kapitel. Zeitrechnung der Naturvölker.]

§ 165. Resultate in bezug auf die Entwicklung der Zeitrechnung bei den Natur- und Kulturvölkern.

Das in diesem Abschnitte vorgelegte Material, welches, ohne auf Vollständigkeit Anspruch zu machen, einen Einblick in die haupt­sächlichsten Phasen des Zeitrechnungs­wesens bei den Naturvölkern gewähren wird, gestattet in Verbindung mit den im I. Bande vor­getragenen Zeitrechnungsarten die Ableitung einiger allgemeiner Schlüsse.

In bezug auf die Kulturelemente unterliegt die Ent­stehung und Weiterentwicklung der Zeitrechnung denselben Grund­bedingungen wie die Entwicklung der Zivilisation überhaupt. Bei den Nomaden und Halbnomaden, welche meist Jäger und Fischer sind (Sibirien), ist die Vorstellung von der Länge des Jahres noch ganz unentwickelt: eine Anzahl Zeitgruppen, an Zahl der Tage sehr variierend und mit „Monaten“ nur entfernt vergleichbar, da sie auf der Beobachtung des Wechsels in der Natur aufgebaut sind, genügt diesen Völkern, um die Zeiten des Fischfanges, der Jagd der Pelz­tiere, des Einsammelns der Beeren usw. roh vorauszubestimmen. Notwendig wird der Jahresbegriff erst mit der Seßhaftigkeit der Stämme, ihrem Übergange zum Ackerbau und zur Viehzucht. Die Aussaat und Ernte, die Reifedauer der Kulturgewächse, die Vor­bereitung der Werkzeuge zur Bewirtschaftung der Felder usw. ver­langen schon einige bestimmtere Begriffe von dem Jahre und seiner Teilung. Die geographische Lage des Landes, das damit verbundene Klima und die fruchtbare oder unfruchtbare Beschaffen­heit des Bodens wirken entscheidend auf den Stand der Ausbildung, welchen das Jahr und seine Teilung bei den seßhaften Völkern erlangt. Während in manchen Gegenden, wie in Polynesien und manchen Tropen, der Klima­wechsel kein besonders ausgeprägter, scharfer ist, also eine Rechnung mit rohen Halbjahren, Monsunzeiten genügt (wie auf den Sundainseln, Polynesien, Neuholland), führt in anderen Ländern (Afrika) die regel­mäßige Wiederkehr der Regenzeit zu einer Dreiteilung des Natur Jahrs, und in den nördlicheren Breiten, je nach der Lage des Landes, zu einer Vierteilung (nordamerika­nische Indianer, Chinesen, Perser, Kultur­völker der alten Welt) oder zu einer Fünf- und Sechsteilung (Nordinder). Stämme auf der Stufe des Ackerbaus be­sitzen also meist schon ein in seiner Länge noch sehr unbestimmtes Naturjahr, dessen Anfang nach den Hauptphasen des Pflanzen- und Tierlebens geordnet, mit dem Wiedererwachen der Natur (Frühjahrs-

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beginn) oder mit dem Schluß der Ernte (Herbst- und Winterjahre) begonnen wird. Solange die Naturvölker an ihren Wohnorten isoliert bleiben, höchstens zeitweise durch Kriege oder Wanderungen mit ent­fernt wohnenden in Berührung kommen, erweitert sich der Kreis ihrer Anschauungen und Bedürfnisse nicht. Erst wenn sich Handel und Ver­kehr, Austausch fremder Produkte usw. durch den Kontakt mit Nach­barvölkern, welche eine höhere Stufe der Entwicklung erreicht haben, zu entfalten beginnen, reicht das primitive Naturjahr nicht mehr aus. Die neuen Verhältnisse, die Reisen auf Karawanen­straßen, die Schiff­fahrt machen eine aufmerksamere Beobachtung der Natur erforderlich. Die irdische Orientierung mit Hilfe der Sterne führt zur Kenntnis der wichtigsten Sternbilder und die Beobachtung des jährlichen Auf­und Untergangs der hellsten Sterne gibt die erste Kenntnis von der ungefähren Länge des Jahres (auf den australischen Inseln, bei vielen Negerstämmen Afrikas, selbst bei den nordischen Eskimo). Sobald im Verlaufe der Kulturentwicklung geordnete staatliche Verhältnisse, Schutz des Erwerbes, Gesetze usw. Platz greifen und auch die bis dahin formlosen Anfänge religiöser Vorstellungen sich zu irgendeinem Systeme konsolidieren, fängt auch die Zeitrechnung an, sich der Form nach bestimmter zu gestalten. Die Phasen des Mondes, die Stände der Sonne im Verlaufe der Jahreszeiten werden verfolgt, man macht den Versuch, die bis dahin unbestimmt gelassenen Jahresabschnitte des Naturjahrs dem jährlichen Laufe des Mondes anzupassen. Das erste Ergebnis ist die schwankende Zahl von 12—14 Monaten, die wir in fast ganz Polynesien und Nordamerika antreffen. Wo das religiöse System sich zum Gestirndienst, zur Stern-, Sonnen- oder Mondverehrung ausgestaltet hat, muß die Kenntnis des Mond- oder des Sonnenjahrs naturgemäß eine schnellere gewesen sein. Ohne Zweifel ist die ehemalige Verehrung des Mondes in Vorderasien be­stimmend gewesen für die spätere Entwicklung des Mondjahrs in diesen Ländern. Aber auch dort, wo die Mondphasen nur in loser Verbindung mit dem Naturjahr stehen, kann man wahrnehmen, daß der Mond das Hauptmaß für die Zeitmessung gewesen ist; so bei den Indianern, bei denen der Sonnendienst (vielmehr Naturdienst) über­wogen hat. Von Einfluß auf die Zeitrechnung ist auch die Festsetzung der Zeit der alljährlich wiederkehrende Feste. Die meisten dieser Feste sind, soweit sie den Göttern dienen sollen, an bestimmte Jahres­zeiten gebunden, wegen der zu opfernden Gaben, also agrarischen Charakters (s. die Gahanbar der Perser, die jüdischen, und griechischen Hauptfeste, die Spuren agrarischer Feste, die durch Asien bis Japan reichen). Man hat immer, selbst wo man sich mit einem alle Jahres­zeiten durchlaufenden bürgerliche Jahre behalf (wie in Ägypten) oder sich vielfach in Verwirrung mit der Schaltung befand (wie bei den

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Römern), das Bestreben gehabt, diese Art Feste zur selben Jahreszeit zu begehen. Das Beispiel der nord­amerikanischen Indianer und der Dajak auf Borneo zeigt, daß es selbst Völkern, die sich noch weit von einer geordneten Jahresrechnung befinden, möglich ist, mit primitiven Mitteln die ungefähre Zeit ihrer Feste anzugeben. — Aus allen diesen Anfängen der Zeitmessung kristallisieren feste Formen, sobald die Völker durch Entwicklung von Religion, Sitte, Recht, Wissenschaft und Kunst aus dem Stadium des bloßen Erwerbslebens in das der Kulturnationen übertreten. Die von Natur aus weniger begabten Völker werden in diesen Fortschritten im allgemeinen gegen die intelli­genteren zurückbleiben. Aber mehr als Beanlagung machen andere Faktoren aus, z. B. eine vorteilhafte, die Kommunikation mit anderen Nationen fördernde Lage des Landes, Fruchtbarkeit des Bodens, ruhige politische Entwicklung usw. Je nach diesen Bedin­gungen werden die einen Völker den anderen voraneilen auch in der Ausbildung der Zeitrechnung, wie die Griechen auf ihrer glücklich gelegenen Halb­insel; andere werden zurückbleiben, wie die Juden, welche infolge ihres theokratischen Systems erst nach dem Verlust ihrer politischen Zusammengehörigkeit in Besitz einer festen Zeitrechnung gekommen sind; noch andere werden langsam und spät, und dies mehr durch fremde Hilfe als durch eigene Kenntnis, zu einem geordneten Jahre gelangen, wie die Chinesen. Einem kühnen Reformator, wie Mohammed und seinen Nachfolgern, konnte es sogar gelingen, den Glaubensgenossen ein widersinniges und unwissen­schaftliches Jahr, wie das freie Mond­jahr, aufzu­drängen und dasselbe bis nach Südostasien und bis ins Innere Afrikas zu verbreiten.

Über den Entwicklungsgang, den die Erkenntnis der Zeitelemente, des Jahres, des Monats, der Schaltung usw. wahrscheinlich genommen hat, wurde schon Bd. I 58—70 eine Übersicht versucht. Einige von den Hauptpunkten können jetzt, da das Zeitrech­nungswesen der Natur­völker durch den vorliegenden Abschnitt und die vornehm­lichsten Zeitrechnungs­systeme der Orientalen durch Bd. I bekannt sind, etwas näher präzisiert werden. Wir haben gesehen, daß bei den Natur­völkern vielfach ein 13monatliches Jahr vorkommt und daß diesem Jahre das für die Natur­völker natürlichste Maß, die Mondbewegung, zugrunde liegt. Die Länge des Mondmonats können diese Völker nur ungefähr schätzen und zwar siderisch oder synodisch; die siderische Abschätzung kommt nur ausnahmsweise vor: die Araber bestimmten ihre Jahreszeiten nach dem Auf- und Untergange der Mondstationen, die Atchinesen mit Hilfe der Kenong-Rechnung. Der natürlichere Monatsanfang ist durch das Erscheinen der ersten Sichel nach Neu­mond (Neulicht) gegeben; zwischen je 2 ersten Mondsicheln liegen etwa 29 Tage. Das Ziel in der Entwicklung aller Zeitrechnung geht

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darauf hinaus (und zwar schon bei jenen Naturvölkern, welche das Stadium der Teilung der Zeit nach einer willkürlichen Anzahl von Naturphasen überwunden haben), mit dem Naturjahre (Wiederkehr der Jahreszeiten) eine Übereinstimmung herzustellen. Indem nun manche Stämme mit 12 oder 13 Mond­monaten zu 29 Tagen rechnen, sind sie genötigt, jedes 2. oder 3. Jahr einen Schaltmonat einzulegen oder einen solchen wegzulassen, um zu einer nur ungefähren Rückkehr mit dem Anfange des Mondjahrs in dieselbe Jahreszeit zu gelangen. Es wurde oben (S. 146) darauf hingewiesen, welche Schwierigkeiten diese Bestimmungen z. B. den nordamerikanischen Indianern machen. An diese rohen Versuche, ein Lunisolarjahr herzustellen, knüpfen die Be­strebungen der alten Kulturvölker an, welche das Mond-Sonnen-Jahr zum Ausgang ihrer Zeitrechnung genommen haben, wie die Babylonier, Inder, Chinesen, Griechen und Römer. Dazu war aber den Kultur­völkern die Kenntnis zweier Grundlagen notwendig, der Länge des Mondjahrs und des Sonnenjahrs. Beide Längen hat man nur allmählich im Laufe der Zeiten erkennen können, die 365 14tägige Länge des Sonnen­jahrs viel schwieriger als die des Mondjahrs, und das Resultat dieser Erkenntnis, nämlich die Aufstellung des richtigen Schaltungsprinzips, ist ein Prozeß von sehr langsamer Entwicklung. In den beiden folgenden Kapiteln, bei der Zeitrechnung der Römer und der Griechen, werden wir diesen langen Entwicklungs­prozeß verfolgen können. Ich gebe bei diesen Zeitrech­nungen auch die Hilfsmittel an, welcher sich jene Kulturnationen in den Anfangs­stadien der Zeitrechnung bedient haben können. Auf diese Darstellung des vermutlichen Entwicklungs­ganges der Zeitrechnung lege ich Gewicht aus dem Grunde, weil dieser Prozeß anschaulich macht, daß der Zeitsinn, d. h. die Fähig­keit, dem Kulturleben eine richtige und praktische Zeit zuzuführen (sowohl in bezug auf den natürlichen Tag, als auch auf den jährlichen Umlauf der Sonne oder des Mondes oder der vereinigten Kombination beider) selbst ein Kulturelement ist, welches, anfänglich roh vorhanden, erst mit der steigenden Kultur sich weiterbildet. Bei den Römern finden wir von Anfang an ein rohes Naturjahr vor, an dessen Stelle später ein noch sehr ungenügendes Lunisolarjahr tritt. Dann taucht eine sonderbar gestaltete Tetraëteris auf, welche dem Mondumlaufe und dem Sonnenjahre gerecht werden will, aber eine nur unvoll­kommene Überein­stimmung mit den Jahreszeiten erreicht. Diese Tetraeteris basiert wahrschein­lich, wie ich zu zeigen suchen werde, auf einem noch ungenauen Werte der mittleren synodischen Umlaufszeit des Mondes. Mit Hilfe dieses Zyklus experimentierten die Römer so gut, wie sie dies verstanden, bis zum 3. Jahrh. v. Chr., worauf sie durch vermutliche Einführung einer regelrechten Aus­schaltung zu besserer Ordnung ihres Kalenders gelangten. Später

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wurde aber diese Ordnung durch die Willkür der Pontifices gestört, und erst 46 v. Chr. brachte Caesar durch Einführung des 365 14tägigen Sonnenjahrs mit 4 jähriger Schaltung eine Reform zustande. Zu einer genaueren Teilung des Tages in Stunden und deren Unterabteilungen kamen die Römer erst gegen Ende des 3. Jahrh. v. Chr. Beide Tat­sachen, daß sich die Römer zu der Zeit, wo sie bereits dem Gipfel ihrer Macht zuschritten, noch mit willkürlichen Schaltungen und mit einer unvollkommenen Teilung des Tages begnügt haben, sind illustrierend für die langsame Entwicklung des Zeitsinns der Völker. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei den Griechen. Auch bei diesen kam der Sinn für eine genauere Teilung des Tages und Messung dieser Tagesteile nicht früher auf als bei den Römern. Ihre unvoll­kommene Oktaeteris erhielt sich bis ans Ende des 5. Jahrh. v. Chr. Weiterhin haben die Griechen das von Meton angegebene Schalt­system, wie jetzt ziemlich allgemein angenommen wird, nicht in der ursprünglichen Form verwendet und von dem des Kallippos überhaupt keinen Gebrauch gemacht; aber die Inschriften zeigen doch, daß die Griechen vom 4. oder 3. Jahrh. v. Chr. an einem gewissen Schalt­prinzip zustrebten und daran, möglicherweise mit ephemeren Willkür­lichkeiten, festhielten. Für das alte Kulturvolk der Babylonier stellt sich nach den neueren Untersuchungen von Kugler heraus, daß diese bis in das 5. Jahrh. v. Chr. nur nach Bedarf, d. h. willkürlich geschaltet haben und erst später in Besitz einer zyklischen Schaltung gekommen sind; dabei verfügten die babylonischen Priester im 5. Jahrh. bereits über ansehnliche astronomische Kenntnisse. Der lange, über 1600 Jahre währende Gebrauch des julianischen Jahres in Europa endlich ist eine weitere Illustration zu der langsamen Entwicklung des Zeitsinns. Selbst gegenwärtig, wo im größten Teile der zivilisierten Welt der Zeitsinn hoch entwickelt und alles öffentliche und Privatleben auf diesen gestellt ist, behält noch ein Teil der europäischen Nationen das völlig veraltete julianische Jahr bei, obwohl sie sich damit bereits der Zeit nähern, wo ihnen die Nichtübereinstimmung ihres Kalenders mit den Jahreszeiten klar werden muß.

Aus unseren Betrachtungen ziehen wir den Schluß, daß die beiden Grund­bedingungen eines geordneten Kalenderwesens, die Kennt­nis der Länge des Sonnenjahrs — insbesondere des überschie­ßenden Vierteltags über das 365tägige Jahr — und die Kenntnis der Schaltung, sich nur allmählich bei den Kulturvölkern haben entwickeln können. Gegen dieses eigentlich von selbst einleuchtende ethnologische Er­gebnis sind Verstöße vorgekommen; man hat in der Darstellung der Entwicklungs­geschichte der römischen und griechischen Zeitrechnung Voraussetzungen und Annahmen gemacht, die ethnologisch nicht stimmen, so, daß der überschießende Vierteltag des 365tägigen Jahres

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schon „in der ältesten Zeit“ bekannt gewesen sei, daß die Römer schon von Numa ab einen geordneten Ausschaltungszyklus angewendet hätten usw. In den beiden folgenden Kapiteln werde ich auf diese Voraussetzungen zurückkommen.

Zum Schlüsse dieses Kapitels sind noch einige Bemerkungen über die Entlehnungsfrage notwendig. Man hat hin und wieder be­hauptet, daß mit der geistigen Kultur bei der Entstehung der Zivili­sation auch das Zeitrechnungswesen höher kultivierter Völker auf andere Nationen übergegangen sei, indem letztere manche Einrichtungen in ihrer Zeitrechnung nicht selbst gefunden, sondern entlehnt hätten. Wir haben gesehen, daß die periodischen Erscheinungen in der Sonnen- und Mondbewegung fast überall, und zwar schon auf den tiefen Ent­wicklungsstufen der Naturvölker zu den gleichen Grundprinzipien der Zeiteinteilung leiten. Die rohe Kenntnis eines Naturjahrs mit einer größeren Anzahl willkürlich langer Unterabteilungen, dem Naturleben entsprechend, ist eine allgemein verbreitete erste Grundlage. Später tritt der Mond als Ordner der Zeit in seine Rechte und die Über­gänge zum Lunisolar- oder zum Sonnenjahr beginnen. Auch die Teilung des Tages nach den Hauptständen der Sonne und zum Teil gruppenweise Zusammenfassung von einer Anzahl Tage findet sich gemeinsam bei den meisten Völkern vor. Erst auf der höheren Stufe der Entwicklung zu Kulturnationen zeigen sich Besonderheiten in den Zeitrechnungs­systemen. Dies beweist, daß das ethnologische Entwicklungsprinzip, welches man als den „Völker­gedanken“ bezeichnet hat (I 61), auch für das Zeitrechnungswesen gilt. Man kann daher von Entlehnungen und Übergängen eventuell erst bei den Kulturvölkern sprechen. Aber auch bei diesen ist es sehr schwierig, das ehemals Gemeinsame oder Zusammengehörige nachzuweisen. Wir lernen die Zeitrechnungs­formen der Kulturvölker meist erst in der späteren Gestalt durch die nur bis in gewisse Zeiten hinabreichende historische Überlieferung kennen, die früheren Formen, inwiefern sie etwa anderen gemeinsam waren, sind meist für uns verloren. Hypothesen, die über Entlehnungen aufgestellt werden, müssen deshalb mit Vorsicht aufgenommen werden, da die Gefahr der Selbsttäuschung überall sehr nahe liegt. Zu solchen Theorien, als viel zu weit gehend und zu sehr verallgemeinernd, gehört z. B. die Hypothese von Terrien de Lacouperie, welche alle Kultur der Chinesen von den Babyloniern ableiten will1, oder das Plejadenjahr Bunsens, das allen Völkern zugeschrieben wird2. Da­gegen kann zugegeben werden, daß dort, wo sich bei benachbarten


1) Babylon. and Oriental Record V 1891, III 1889; Western origin of the early Chinese civilisation, 1894.

2) E. V. Bunsen, Die Plejaden u. der Tierkreis, Berlin 1879.

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Völkern gewisse „Kulturkreise“ nachweisen lassen, nämlich Bezirke, in welchen man auf dieselben Waffen, Gerätschaften usw. trifft, einzelne Elemente der Zeitrechnung mit übertragen und unter den Stämmen verbreitet worden sind. Jedoch müssen in solchen Fällen ebenfalls vorsichtige Erwägungen, besonders sprachliche Untersuchungen als maßgebend betrachtet werden. So ist z. B. die Annahme berechtigt, daß die Spuren der Rechnung nach Halbjahren, die man jetzt noch in Polynesien, Australien, findet, auf ehemals größere Kreise in diesen Weltteilen mit Halbjahrrechnung hinweisen. Die Rechnung der Monate nach den Monderscheinungen auf diesen Inseln ist als Gemeinsames sprachlich direkt nachweisbar, da in vielen melanesischen und poly­nesischen Sprachen dieselben Ausdrücke für Mond und Monat vor­kommen. Daß im ganzen Osten der Sundainseln die Monatstage nicht als Tage, sondern als Nächte gezählt werden, darf man dagegen nicht etwa als eine Übertragung durch den Mohammedanismus an­sehen, sondern diese Zählung ist eine selbständige Erscheinung, die eben aus der Jahrrechnung mit dem Monde von selbst hervorgeht. Wenn wir die babylonische Doppelstunde der Teilung des Tages mit geringer Veränderung in China antreffen (I 465) und wenn 12 Teile des Tages auch auf Tahiti gezählt worden sein sollen (s. § 162), oder wenn berichtet wird, daß die Neuseeländer ihren Monat in 3 Dekaden teilten, so sind dies nicht mehr wie zufällige Übereinstimmungen mit westlichen Zeitelementen. Begreiflicher wäre es, daß der Gebrauch der Nachtwachen sich von Vorderasien aus zu den Römern und bis nach Japan (I 467) verbreitet haben könnte. Wiederum Zufall ist, daß sich die 5tägige Marktwoche, die wir auf Java und Bali vor­fanden (I 419. 425), auch bei Stämmen im sudanischen Afrika zeigt, oder daß 5 Tages­gruppen anderwärts (wie in Altjapan) gebräuchlich gewesen sein sollen. Eine bedeutendere Erscheinung ist kulturhistorisch die Verbreitung der 7tägigen Woche, die von Vorderasien nach dem Okzident vorschritt (s. oben S. 9). Auch die Zerlegung des ägyptischen und persischen Jahres in 360 Tage und 5 Epagomenen und die sonstige Verwandtschaft beider Jahre läßt sich unter dem Einfluß eines wichtigen Kulturfaktors, des babylonischen Sexagesimalsystems (theore­tisches Rundjahr) erklären. Direkte Entlehnungen von Monatsnamen haben wir in der altjüdischen Zeitrechnung gesehen (S. 12 f.); anzu­reihen ist z. B. die römische Stundenteilung des Tages aus der griechischen Zeitrechnung u. a.

Cyrus Thomas hat den Versuch gemacht1, einen ursprünglichen Kultur­zusammenhang resp. eine Übertragung zwischen den ozeanischen


1) Polynesian types in Mexico a. Centr. America (The Americ. Antiquarian a. Oriental Journal, vol. XVI, 1894, S. 99); Prehistoric contact of Americ. with Oceanic peoples (ebd. XVII, 1895, S. 101. 192).

[§ 166. Literatur. 157]

Völkern (Java, Polynesien etc.) und den Zentralamerikanern (Mexiko) nachzuweisen. Die zeitrechnerischen Behelfe, die er aus dem java­nischen Kalender (wuku-Zyklus, s. I 418) und aus zweifelhaften Nach­richten über ein Sonnenjahr auf den Sandwichinseln nimmt, sind so weit hergeholt, daß die Hypothese nicht als haltbar angesehen werden kann1. Überdies hat E. Seler darauf hingewiesen2, daß die mittel­amerikanische Kultur sich ganz selbständig entwickelt hat und in ihren Anfängen nur bis 700 n. Chr. zurückreicht, also von einem Ur­zusammenhange mit anderen Kulturen überhaupt nicht die Rede sein kann.


1) In ähnlicher Bahn wandelt Zelia Nuttal, welche (The fundament principles of old and new-world civilizations; Arch. Ethno. Papers Peabody Mus., vol. II, Cambridge Peabody Mus. 1901) ebenfalls annimmt, daß die amerikanische Kultur durch alte europäische Völker nach Amerika übertragen worden sei.

2) Üb. den Ursprung der mittelamerik. Kulturen (Zeitschr. d. Ges. f. Erdk. z. Berlin, 1902, S. 537).

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