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[§ 192. Der griechische Tagesanfang. 297]

A) Die Zeitelemente.

§ 192. Der griechische Tagesanfang.

Die Frage, von welcher Tageszeit an die Griechen ihren Tag gerechnet haben, stößt auf dieselbe Schwierigkeit, die bei der Be­antwortung der Frage sich dargeboten hat, welcher Tagesbeginn für die althebräische Zeitrechnung anzunehmen ist. Hier wie dort fehlt es, trotz der reichhaltigen Literatur, an klaren Aussprüchen, welche ein Urteil über den Tagesbeginn sichern können. Früher hat man, und zwar allgemein, angenommen, daß die Griechen, und nicht bloß die Athener, den bürgerlichen Tag mit dem anbrechenden Abend begonnen haben, wie die meisten Völker, bei denen der Mond der Regulator des Zeitrechnungswesens war. Diese Annahme wurde für so selbstverständlich gehalten, daß man einen besonderen Nachweis dafür als nicht nötig erachtete; Ideler, Schmidt u. a. setzen deshalb den Abend als Tagesbeginn bei den Griechen voraus und beschäftigen

[298 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

sich nicht mit Beweisen für denselben. Um so größeres Aufsehen mußte daher die Untersuchung von G. Bilfinger über den bürger­lichen Tag der Griechen erregen, welcher aus einer eingehenden Be­handlung zahlreicher Literatur­stellen den Schluß zog, daß nicht der Abend, sondern der Morgen als Tagesanfang bei den Griechen ge­wählt worden sei. Dieses Resultat schien durch die Folgerungen von August Mommsen unterstützt zu werden, welcher schon früher, unter gewissen Einschrän­kungen, die morgendliche Epoche als Tagesbeginn für die älteste Zeit der Griechen hingestellt hatte und den Übergang zur abendlichen Epoche ungefähr in die Zeit Solons verlegen wollte. Indessen gehen Bilfingers Ausführungen zu weit und sind von Unger nachdrücklich bekämpft worden. Da es bei dieser Kontro­verse haupt­sächlich auf die Definition des Tagbegriffes ankommt, dieser aber in den Werken der griechischen Schriftsteller meist nicht klar erkennbar ist, so haben die beiden genannten Gelehrten öfters aus ein und derselben Stelle einander entgegen­gesetzte Resultate ge­zogen.

Was zuerst die älteste Zeit betrifft, so haben wir nur einige Verse der Iliade Homers und Hesiods den Ἔργα angehängte Kalender­gedichte zur Verfügung. Homer zählt die Tage nach Morgenröten (ἠώς), z. B. ἠώς δωδεϰάτη = der zwölfte Morgen (Il. XXI, 80), d. h. er kennt nur den „Lichttag", welcher mit der Morgendämmerung anfängt und mit der Abenddämmerung zu Ende geht. Da es sich hier nur um einen populären Sprachgebrauch handelt, kann man auf die Art des Tagesbeginns (kalendarisch) keinen Schluß ziehen. Auf­fälliger könnte scheinen, daß Homer die Verbindung „Nacht und Tag“ öfters gebraucht1 als die umgekehrte „Tag und Nacht“, woraus man also auf den Tagesbeginn mit dem Abend zu schließen versucht wäre. Jedoch kann dies gleichfalls auf den Sprachgebrauch in Ionien zurückzuführen sein. A. Mommsen wenigstens behandelt dieses Argu­ment als „unbrauchbares Material“. Hauptsächlich für den Abend­anfang des altgriechischen Tages wird die Stelle Iliad. XIX 140 beigebracht2, wo es bei der Absendung der Gesandtschaft zur Ver­söhnung mit Achill heißt: „Ich bin bereit alle Geschenke zu geben, welche Odysseus dir gestern versprochen hat“. Der Ausdruck χϑιζὸς (gestern) wird von vielen so verstanden, daß Homer die Nacht vor dem jüngstverflossenen Lichttage meine und diese Nacht mit dem Lichttage zu einem Tage zusammenziehe, also Abendanfang des Tages vorauszusetzen sei. A. Mommsen und Bilfinger dagegen


1) Νύϰτας (νύϰτες) τε ϰαι ἦμαρ (ἤματα, ἡμέραι), νυϰτός τε ϰαὶ ἤματος.

2) Δῶρα δ᾽ ἐγὼν ὅδε πάντα παρασχεῖν, ὅσσα τοι ἐλϑὼν χϑιζὸς ἐνὶ ϰλισίῃσιν ὑπέσχετο δῖος Ὀδυσσεύς. Der Scholiast: φαίνεται οὖν εἰδὼν προυποστᾶσαν τὴν νύϰτα τῆς ἡμέρας.

[§ 192. Der griechische Tagesanfang. 299]

wollen die genannte Stelle durch verschiedene Einwande entkräften. Was Hesiod anbelangt, so ist nach A. Mommsen die öfters zitierte Stelle  Ἔργα 8201 zweifelhaft, jedoch sei für die Monatstage des Hesiodschen Kalender überall die „Tagnacht“ anzunehmen, d. h. der Beginn des Kalendertages mit dem Morgen. Demnach wurde zu Homers und Hesiods Zeit, d. h. im 9. oder 10. Jahrh. v. Chr. bei den Griechen der Tag mit dem Morgen begonnen worden sein. Der Über­gang zum Tagesbeginn mit dem Abend sei erst eingetreten, nachdem die Griechen sich vom Sternkultus (welcher die morgendliche Epoche erforderte) losgesagt hatten und zum Mondjahr über­gingen. Diesen Übergang konne man für Athen in die Zeit des Solon (6./7. Jahrh. v. Chr.), für das übrige Griechenland in eine frühere Zeit setzen. Obwohl nun die Griechen in der Urzeit eine Naturreligion hatten, die mit der Zeit sich verändernde Kulte mit sich brachte, so ist doch die Rechnung nach dem Monde schon in die ganze historische Epoche Griechenlands zu setzen (s. § 195. 204 ff.). Die Voraussetzung des rohen Lunisolarjahres erfordert aber den Tagesbeginn mit dem Abend, und es ist daher nicht recht glaublich, daß die Epoche des Tages­beginns zu Zeiten Homers und Hesiods noch der Morgen gewesen und die Abendepoche erst im 7. Jahrh. eingeführt worden sein sollte, um so weniger, als sich deutliche Spuren des Mondjahres schon bei Homer und Hesiod vorfinden (s. § 195). Bedenkt man, daß die Werke dieser Dichter einer Zeit angehören, in welcher die griechische Zeitrechnung noch auf den ersten Entwicklungs­stufen war, in denen der kalendarische Begriff des Tages bei weitem noch nicht so scharf gefaßt sein konnte wie in späterer Zeit, und daß die metrischen Formen notwendigerweise Unsicherheiten für die Interpretation der Texte mit sich bringen, so wird man die Auf­stellung der Morgenepoche für die alte Zeit nicht für ganz bewiesen ansehen können. Unger u. a. sind deshalb bei der Annahme geblieben, das die Griechen schon im 9. Jahrh. den Tag vom Abend an auf­gefasst haben.

Für die nachhomerische Zeit hat Unger verschiedene Beispiele zitiert, aus welchen der Tagesbeginn mit dem Abend hervorgeht. Die meisten derselben hat Bilfinger zu bekämpfen versucht. Ich muß mich hier darauf beschränken, nur eines der Zitate2 hervorzuheben.


1) Παῦροι δ᾽ αὖτε μετ᾽εἰϰάδα μηνὸς ἀρίστην ἠοῦς γιγνομένης ἐπὶ δείελα δ᾽ ἐστὶ χερείων. „Wenige (wissen), daß der 24. morgens recht günstig, nachmittags schlechter ist.“ Nach dem Scholiasten grenzt der 24. Tag mit seinen Nachmittagsstunden an den 25. Tag, danach beginnt Hesiod den letzteren mit dem Abend. Die späteren Scholiasten setzen jedoch den Tagesbeginn mit Abend für ganz Griechenland voraus.

2) Plutarch, Aristid. 20 (Inschrift v. Plataia); Herodot VII 54; Xenophon, Cyrop. VIII 3, 9; Thukydides IV 31; Diodor. XVI 92 u. a.

[300 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

Nach den königlichen Tagebüchern Alexander des Gr. ( Ἐφημερίδες βασίλειοι) fand der Tod Alexanders am 28. Daisios (τῇ τρίτῃ φϑίνοντος πρὸς δείλην) statt; der Grieche Aristobulos (aus Kassandreia) dagegen setzt den Tod (Plutarch, Alex. 75. 76) τριαϰάδι Δαισίου μηνός1 auf den letzten Tag des Daisios, d. h. auf den 29. Daisios. Die Abweichung der beiden Daten voneinander erklärt sich daraus, daß in der make­donischen Datierung der Abend (δείλη der späte Nachmittag oder der Abend selbst bis zur einbrechenden Nacht) noch zum 28. Daisios, in der griechi­schen Datierung, welche von eben diesem Abend ausging, aber bereits zum 29. Daisios gehörte, Unger hat ferner Stellen ge­sammelt, in welchen ὑστεραία nur den mit Abend anfangenden Tag bedeuten kann. Bilfinger bekämpft auch diese Stellen und will nachweisen, daß die Volltage bei den Griechen vom Morgen zum Morgen gerechnet seien, eine Behauptung, die am wenigsten glücklich durch den Einwand gestützt wird, daß der Anfang des Volltages mit Abend nur bei jenen Völkern möglich gewesen sei, die ihren Monats­anfang durch die unmittelbare Beobachtung der neuen Mondsichel bestimmten; die Griechen seien dazu nicht zu rechnen, denn diese hätten seit uralter Zeit die Oktaëteris gehabt und ihre Mondmonate zyklisch bestimmt. Aber die Oktaëteris ist bei den Griechen zwar alt, aber nicht uralt, und anderseits haben bekanntermaßen alle Völker, die mit ihrem Zeitrechnungssysteme dem Lunisolarjahre zu­strebten, den vielhundertjährigen Weg der direkten Beobachtung des Neulichtes gehen müssen, ehe sie zu einer zyklischen Vorausbestimmung der Neumonde und der daran geknüpften Monatsanfänge gelangen konnten. — Bei Gellius (Noct. att. III 2) heißt es in einer von Varro gemachten Zusammenstellung der Tagesanfänge verschiedener Völker: Athenienses autem aliter observare idem Varro in eodem libro scripsit, eosque a sole occaso ad solem iterum occidentem omne id medium tempus unum diem esse dicere. Ähnlich Plinius2 und Censorin3. Die letzteren beiden folgen in ihren Angaben vielleicht Varro; Unger hat wahrscheinlich gemacht, daß mehrere ältere selbständige Quellen für Plinius und Censorin in Betracht kommen dürften. Be­sonders hebt er mit Recht hervor, daß, selbst wenn Varro die einzige Quelle jener Autoren gewesen wäre, das Zeugnis des Varro hin­reichend ist, denn dieser hat Griechenland besucht, und außerdem


1) S. die Dekadenzählung unten § 195.

2) Hist. nat. II 79: Diem alii aliter observavere .... Athenienses inter duos occasus.

3) De die nat. XXIII 3: Huius modi dies ab astrologis et civitatibus quat­tuor modis definitur. Babylonii quidem a solis exortu ad exortum eiusdem astri diem statuerunt, at in Umbria plerique a meridie ad meridiem, Athenienses autem ab occasu solis ad occasum.

[§ 192. Der griechische Tagesanfang. 301]

lebten in Rom damals so viele Griechen, daß er die Nachricht über den Tagesanfang hätte bei diesen selbst einholen können. — Bei den im 1. Jahrh. v. Chr. lebenden Geminos finden sich einige Sätze, aus denen man nur indirekt ein Zeugnis für den griechischen Tagesanfang entnehmen kann. An einer Stelle1 sagt er, „daß die Griechen die Jahre in Übereinstimmung mit der Sonne, die Tage und die Monate in Übereinstimmung mit dem Monde gehalten“ haben. Hier ist nur vom Lunisolarjahre, welches eben die von der Sonnenbewegung ab­hängenden Jahreszeiten mit den Mondmonaten in Übereinstimmung bringen will, die Rede. Da die Monate nach dem Monde gerechnet werden sollen, so muß ihr Anfang an den Eintritt der Neumonde ge­knüpft sein. Die Abendepoche des Tagesanfangs kann man nur in­direkt aus dem genannten Satze folgern, indem man annimmt, daß aus dem Beginne des ersten Monatstages mit dem Erscheinen des Neulichtes, d. h. mit dem Abend, die Abendepoche aller übrigen Tage von selbst folgt. An einer anderen Stelle2 bei Geminos ist nur von der Definition des Lichttages und des Volltages die Rede: „Unter Tag versteht man zweierlei; einmal die Zeit von Sonnen­aufgang bis Sonnenuntergang, zweitens aber versteht man unter Tag die Zeit von einem Sonnenaufgang bis zum nächsten.“ Entscheidender ist die Bemerkung, welche bei dem Nachweis gemacht wird, daß man die Tage genau nach dem Monde rechne3: „während die Mondfinster­nisse in der Nacht, die zur Monatsmitte (διχομηνία) führt, eintreten.“ Die διχομηνία ist der Tag, welcher den Monat in zwei Hälften teilt, der Vollmondstag. Die Mondfinsternisse finden in der Nacht, die zu diesem Tage führt, statt; die διχομηνία bestand also, als Volltag ge­nommen, aus jener Nacht und dem darauf folgenden Lichttag, d. h. der Vollmondstag wird hier vom Abend an gerechnet.

Wir können also im ganzen annehmen, daß, wenn auch in der ältesten Zeit der Tag von dem Morgen an gerechnet worden sein sollte, so doch in der ganzen historischen Epoche der Athener und der Griechen überhaupt der kalendarische Tagesanfang der Abend gewesen ist. Erst spät, als das Lunisolarjahr verlassen wurde und das julianische Jahr Eingang fand, verfiel auch der Abend als Tages­epoche und machte dem Morgen Platz. Daraus erklärt es sich, daß wir bei mittelalterlichen Schriftstellern, wie Theodoros Gaza, und


1) Εἰσαγωγή VIII 7. (Ich zitiere überall in dem vorliegenden Werke die Kapitel nach der Manitius-Ausgabe 1898).

2) VI 1:  Ἡμέρα λέγεται διχῶς, ϰαϑ᾽ ἕνα μὲν τρόπον ὁ ἀπ᾽ ἀνατολῆς ἡλίυ μέχρι δύσεως, ϰαϑ᾽ ἕτερον δὲ τρόπον ἡμέρα λέγεται χρόνος ὁ ἀφ᾽ἡλίου ἀνατολῆς μέχρις ἡλίου αὖϑις ἀνατολῆς.

3) VIII 14: τὰς δὲ τῆς σελήνης ἐϰλείψεις νυϰτὶ τῇ φερούσῃ εἰς τὴν διχομηνίαν (γίνεσϑαι).

[302 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

bei den orientalischen (Alfergani u. a.) als Epoche des Tag­esanfangs der Griechen den Morgen angegeben finden.

Was die nähere Bestimmung der Abendepoche betrifft, so wird man, wie ein Vergleichen mit anderen Völkern lehrt, welche ebenfalls ihre Zeit nach dem Monde rechnen, den Tag allerdings nicht mit dem Moment des Sonnenuntergangs selbst, sondern vielmehr mit der Zeit der Dämmerung begonnen haben. Die alten Schrift­steller kennen den Unterschied zwischen der bürgerlichen und der astronomischen Dämmerung (s. I 22) noch nicht, aber es kann angenommen werden, daß man als Abend die schon vorgeschrittene Dämmerung, in welcher schwächere Sterne am Himmel hervortreten (also die astronomische Dämmerung), angesehen hat. Es kann bisweilen, z. B. bei der Be­urteilung der Zeit von überlieferten Vorkomm­nissen, die in den be­ginnenden oder vorgeschrittenen Abend oder Morgen gesetzt werden, von Interesse sein, die Dauer der astronomischen Dämmerung in Griechenland für gegebene Tage zu kennen. Die folgende Tafel1 liefert diese Dauer für die geogr. Breite von Athen in Intervallen von je 10 Tagen:

1.Jan.1h28m 10.Mai1h34m 7.Sept.1h25m
11.125 20.138 17.123
21.124 30.140 27.121
31.122 9.Juni142 7.Okt.121
10.Febr.122 19.144 17.121
20.121 29.145 27.121
1.März121 9.Juli144 6.Nov.122
11.121 19.141 16.123
21.121 29.137 26.125
31.122 8.Aug.134 6.Dezbr.126
10.April124 18.130 16.127
20.127 28.126 26.127
30.130







Mit Hinzuziehung der Tafel S. 166 würde man z. B. für Athen und den 15. Mai die Dauer der astronomischen Dämmerung 1h 36m, und die Zeit des Sonnenuntergangs an diesem Tage = 6h 57m w. Zt. haben; die Dämmerung dauert also bis 6h 57m + 1h 36m = 8h 33m, und um letztere Zeit treten die schwächeren Sterne hervor.


1) Die Tafel ist mit den Grundlagen berechnet, welche der Tafel der halben Tagbogen (S. 166) zugrunde liegen. Ferner ist die Depression der Sonne beim Ende der astronomischen Dämmerung zu 15,8° angenommen; s. hierüber unter „Nachträge“ am Schluß dieses Bandes, ad Bd. I. S. 22.

[§ 193. Tageseinteilung, Stunden, Uhren. 303]

Bei der Vergleichung einer griechischen Datierung mit einer julianischen wird man, da bei letzterer der Tag um Mitternacht an­fängt, ein doppeltes julianisches Datum nötig haben: der eine julia­nische Tag enthält den Anfang, der andere das Ende des griechischen Tags. Findet man in der Literatur eine griechische Datierung nur durch einen julianischen Tag ausgedrückt, so wird man beachten müssen, in welchem Sinne der Autor die letztere verstanden wissen will.

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