Startseite Band II Inhalt Voriger § Ende Nächster § Register
[§ 200. Jahresanfang. 345]

§ 200. Jahresanfang.

Bei der Beurteilung der Prytanienlängen wurde vorausgesetzt, daß der erste Monat des Jahres der Hekatombaion (Juli) gewesen sei, und zwar auch in der Zeit vor Meton, daß also mit diesem Monat, d. h. im Sommer, das attische Jahr angefangen habe. Es sind aber Meinungen geäußert worden, daß der Jahresanfang in der alten Zeit nicht der Sommer gewesen sei. Für die vorhistorische älteste Periode Griechenlands glaubt Aug. Mommsen aus den bei Hesiod und Homer häufig erwähnten jährlichen Sternauf- und Unter­gängen, an welche die Jahreszeiten geknüpft werden (s. § 194), schließen zu dürfen, daß ehemals ein mit dem kosmischen Untergange des Plejadengestirns (November) anfangendes Sternjahr gebraucht worden ist. Dieses Plejadenjahr hat sich aus zwei Halbjahren, deren eines vom kosmischen Untergang der Plejaden (im 9. Jahrh. v. Chr. um den 3. November) bis zum heliakischen Aufgang (20. Mai) und deren zweites von da über den Sommer bis zum Herbst reichte, aus­gebildet. Dieses mit dem Spätherbst anfangende Plejadenjahr habe vielleicht in der Vorzeit in Athen gegolten, Spuren davon in histo­rischer Zeit seien bei den Phokern und Achäern nachweisbar; die letzteren hätten ihre Amtsjahre an die Plejaden geknüpft. Die Gründe für diese Hypothese sind nicht sehr stark1. Aber selbst zu­gegeben, daß ehemals ein Plejadenjahr in Griechenland existiert habe, ist nicht recht einzusehen, warum dasselbe nur mit dem kos­mischen Untergang und nicht mit der mehr auffälligeren Phase des heliakischen Aufgangs begonnen haben müßte. Diese plejadische Zeitrechnung hat man des weiteren nach Aug. Mommsen zu oder vor Solons Zeit aufgegeben und hat das Wiedererscheinen des Sirius als die Zeit des Jahresbeginns gewählt. Da der heliakische Aufgang des Sirius durch Jahrhunderte hindurch für die Breite von Athen auf dem 28. Juli verblieb (s. Tafel I c), das Sommersolstiz aber dieser Zeit früher näher lag als später (das Sommersolstiz fand 1000 v. Chr. am 3. Juli, 800 v. Chr. am 1. Juli, 500 v. Chr. am 29. Juni statt), so seien die Griechen im Laufe der Zeit mit ihrem Jahresbeginn der Zeit des heliakischen Siriusaufganges gefolgt und so hätte sich der Übergang vom Herbstanfang zum Sommerjahranfang bei ihnen von selbst vorbereitet. Allein gegen das Plejadenjahr wie gegen das Siriusjahr ist einzuwenden, daß Sternjahre überhaupt nur ein Surrogat für ein geordnetes Jahr darstellen können, da die jährlichen Sternauf- und


1) Die Strategen der Achäer haben zwar (Polybios IV 37, 2; V 1, 1) ihre Funktionen um die Zeit des Frühaufgangs der Plejaden angetreten, jedoch nach­weisbar nur in den Jahren 222 — 218 v. Chr. Die Ausdrucksweise des Polybios ist hier nur eine populäre, die Zeit umschreibende.

[346 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

Untergänge — was leider von manchen immer wieder übersehen wird — zu unsicher zu beobachtende Erscheinungen sind. Bei den wenigsten Völkern treffen wir deshalb auf den Gebrauch von Stern­jahren und wenn überhaupt, so fällt dieser Gebrauch nur in die Epoche eines sehr primitiven Standes der Zeitrechnung und wird meist alsbald durch den Übergang auf den Mondlauf verdrängt. Da die Zeitrech­nung nach dem Monde auch bei den Griechen sehr alt ist, kann ein eventuelles Plejadenjahr nur eine vorübergehende Phase in der Ent­wicklung der Zeitrechnung vorgestellt haben, und es ist wenig wahr­scheinlich, daß der Jahresanfang mit dem Sommer sich von den Sirius­aufgängen her­schreiben sollte. Viel eher haben die klimatischen Abstufungen des Landes zu den sehr verschiedenen Jahresanfängen geführt, welche wir in den einzelnen Staaten Griechen­lands gebraucht sehen. Bei der Erörterung, wieviel Jahreszeiten die Griechen gehabt haben, mußte für die alte Zeit angenommen werden (S. 310 f.), daß man nur die kalte und die warme Jahreszeit benannte und also eigentlich mit Halbjahren (des Naturjahrs) rechnete. Eine ehemalige Halb Jahrrechnung auf den unteren Stufen der Entwicklung des Zeit­sinns haben wir in unserem Werke bei verschiedenen Völkern als wahrscheinlich notiert. Existierten solche rohe Halbjahre in der vor­historischen Zeit bei den griechischen Stämmen, so erklärt sich der spätere sehr verschiedene Anfang ihrer Volljahre daraus, daß man die beiden die Jahreszeiten umfassenden Halbjahre verschieden mit­einander verband, vom Winter an rechnete und den Sommer folgen ließ oder die umgekehrte Verbindung annahm oder daß man Halb­jahre wie Herbst—Frühling und Frühling—Herbst hatte. Im § 198 habe ich bei den nichtattischen Monats­namen durch eine beigesetzte (1) angegeben, welcher Monat in den einzelnen Staaten der Anfangs­monat des Jahres war. Danach können wir bei den nichtattischen Griechen etwa folgende Jahresanfänge unterscheiden:

  1. Jahresanfänge mit dem Winter
    (dem attischen Poseideon oder Gamelion):
    Delos, Böotien, Lamia, Elis, Tauromenien.
  2. Jahresanfänge mit dem Sommer
    (dem attischen Hekatombaion oder Metageitnion):
    Epidauros, Delphi, Amphissa, Thessalien, Perrhäbien.
  3. Jahresanfänge mit dem Herbst
    (dem attischen Boëdromion oder Pyanepsion):
    Ätolien, Halos, Sparta1.

1) Für Korinth, Syrakus, Herakleia, Knidos, Thera u. a. wird ebenfalls Herbstbeginn des Jahres vermutet. Kerkyra soll das Jahr mit dem Frühling an­gefangen haben.

[§ 200. Jahresanfang. 347]

Für die oben erwähnte Meinung, daß es in Griechenland ehe­mals üblich gewesen, das Naturjahr nach Halbjahren zu rechnen, spricht auch, daß der Schaltmonat von den meisten Stämmen nicht an das Ende des Jahres, sondern ans Ende des ersten Halbjahrs ge­setzt wurde (s. § 198). Als man nämlich von dem rohen Naturjahre auf die Mondrechnung und zum Teil auf andere Jahresanfänge über­ging und die Überein­stimmung der anfänglich primitiven Mondzyklen mit den Jahreszeiten durch Einlegung von Schaltmonaten zu erreichen suchte, war die natürliche Stelle für den Schaltmonat das Ende des ehemaligen Naturjahres.

Auch für die attische Zeitrechnung ist vermutet worden, daß das Jahr ehemals nicht mit dem Sommer, sondern mit dem Winter, dem Monat Gamelion angefangen worden sei. In der Annahme der Zeitgrenze, in welcher sich in Athen der Übergang vom Winter als Jahresanfang auf den Sommer (Hekatombaion) vollzogen hätte, wichen die Chronologen voneinander ab. Den Monat Gamelion als Jahres­anfang nahmen schon Scaliger und Petavius an; der erstere setzte den Übergang ungefähr in die vermutete Zeit der Errichtung der großen Panathenäen (unter Peisistratos 566 v. Chr.), während Peta­vius keine bestimmte Grenze angab. Dodwell und Corsini glaubten, der Monat Gamelion habe in der ganzen alten Zeit bis auf Meton (432 v. Chr.) als der Jahresanfang gegolten; eine teilweise Wider­legung ihrer Aufstellungen unternahm Clinton. 1862 hat Greswell wiederum die Zeit Metons als Periode des Übergangs vom Gamelion zum Hekatombaion geltend zu machen versucht. Ideler und Scheibel dagegen legten den Übergang in die weit zurückliegende Zeit; der erstere sprach sich vermutungsweise1, der andere bestimmt dafür aus, daß mindestens zur Zeit des Kreon, 683 v. Chr., die Athener ihr Jahr mit dem Gamelion angefangen hätten. Aug. Mommsen setzte den Jahresbeginn mit dem Sommer in die Zeit Solons, unter Begründungen, die oben (S. 345) schon erwähnt wurden. Böckh hatte aber bereits 1816 gezeigt2, daß um 490 v. Chr. der Anfangsmonat des attischen Jahres der Hekatombaion gewesen sein muß, und später­hin neigte er ganz zu der Ansicht, daß auch in der Zeit vor 490 v. Chr. immer der Hekatombaion als Anfangsmonat gegolten habe. Dieselbe Meinung vertrat besonders nachdrücklich auch Adolf Schmidt.

Gegen die Beweisgründe, welche Dodwell und Corsini für den Jahresanfang mit dem Gamelion angegeben haben, nämlich die Er-


1) Handb. I, S. 288. 369.

2) In einem Verzeichnis der Vorlesungen der Berliner Universität, Sommer­halbjahr 1816; vgl. Mondzykl. I, S. 65 f.

[348 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

wähnung der Regierungszeit des Archon Pythodoros (Ol. 87, 1) durch Thukydides (II 2) und eine Stelle des Avienus (Aratea progn. v. 38 f.), machte schon Ideler einige Bedenken geltend. Im wesentlichen die­selben Argumente Dodwells hat viel später Greswell wiederholt; Schmidt hat sich die Mühe gegeben1, diese haltlosen Konstruktionen noch­mals zu widerlegen. Eine besondere Entdeckung glaubte 1897 Kubicki gemacht zu haben: solange die Griechen eine Oktaëteris hatten, nämlich bis Ol. 89, 2 (= 423 v. Chr.), sei der Monat Thargelion der Anfangsmonat des Jahres gewesen, hierauf von Ol. 89, 3 bis 93, 1 (= 408 v. Chr.) der Skirophorion, und erst seit Ol. 93, 2 (= 407 v. Chr.) der Hekatombaion. Auf diese Hypothese komme ich gelegentlich der Erörterung der Oktaëteris im § 215 zurück. — Die wichtigsten Argu­mente, welche beweisen, daß der Hekatombaion schon in der Zeit vor Meton der Anfangsmonat des Jahres war, sind etwa folgende: 1) Böckhs Nachweis, daß die Schlacht bei Marathon (Ol. 72, 3 = 490 v. Chr.) im Monat Metageitnion (dem zweiten des Jahres) um die Zeit nach dem Vollmonde geschlagen worden ist2. Die neunte Phyle, die Aiantis (s. § 199) hatte in diesem Jahre die erste Prytanie, und der Beschluß über den Auszug des Heeres wurde noch unter dieser ersten Prytanie, d. h. im Anfangsmonat des Jahres gefaßt. Da die Schlacht nicht lange nach dem Ausrücken des Miltiades erfolgt sein kann, so wird sie höchstens nach dem Vollmonde des zweiten Monats statt­gefunden haben. Damals war also der Hekatombaion schon der Anfangs­monat des attischen Jahres, 2) In dem Texte des Eleusinischen Steuerdekretes, welches der Zeit Ol. 83, 3 oder 83, 4 (446 oder 445 v. Chr.) angehört, wird als bevorstehend die neunte Prytanie ange­geben und der Monat Hekatombaion auf den Monat des nächsten (neuen) Jahres bezogen3, woraus hervor­geht, daß der Hekatombaion um 446 v. Chr. der Anfangsmonat war. 3) Der dritte messenische Krieg (Ol. 79, 1 = 464 v. Chr.) brach nach der Feier der olympischen Spiele, d. h. im Sommer aus, unter dem attischen Archon Archide­mides, noch im 4. Jahre des spartanischen Königs Archidamos4. In Sparta fing man das Jahr mit dem Herbste an (s. S. 346), demnach müßte der Archon schon vor dem Herbst, im Sommer, d. h. mit dem Jahresanfangsmonat Hekatombaion sein Amt übernommen haben. — Diese Gründe reichen wohl aus, um zu zeigen, daß wenigstens im ganzen


1) Hdb. d. gr. Chron., S. 388—396.

2) Mondzykl. I, S. 66—71.

3) Die Worte der Inschrift μῆνα δὲ ἐμβάλλειν Ἑϰατονβαιῶνα τὸν νέον ἄρχοντα sind nach Schmidt (Neue Jahrb. f. klass. Philol., 131. Bd., 1885, S. 681—744) so zu verstehen, daß der neue Archon einen Monat, nämlich den Hekatombaion zu­geben, d. h. als Zahlungs- oder Erfüllungsfrist bewilligen solle.

4) Plutarch, Kimon 16 (vgl. Diodor XI 70, Paus. IV 24).

[§ 200. Jahresanfang. 349]

5. Jahrhundert das attische Jahr mit dem Hekatombaion begann. Daß diese Art Jahresanfang aber noch erheblich weiter zurückgeht, wahrscheinlich bis auf den Anfang der historischen Epoche, darin stimmen die neueren Chronologen mehr und mehr überein.

Zu der Zeit, als Kaiser Hadrian in Griechenland war, sollen die Athener ihren Jahresanfang auf den Monat verschoben haben, in welchem der Kaiser in der Stadt Athen zur Besichtigung der Mysterien anlangte, auf den Monat Boëdromion. Der Urheber dieser Hypothese ist Corsini; derselbe stützte sich auf 2 Inschriften aus jener Zeit, in welchen die Zählung der Monate vom Boëdromion aus­geht, und nahm an, daß die zu Ehren des Kaisers vollzogene Ver­änderung des Jahresanfangs während des ersten Besuches des Kaisers Ol. 227, 3 = 131 n. Chr. ausgeführt worden sei. Ferner wurden die Jahre „von der Ankunft des göttlichen Hadrian“ gezählt, d. h. man schuf eine neue Ära (Hadrians-Ära, neuattische Ära, s. § 201), deren Anfangspunkt Corsini auf Ol. 222, 4 = 112 n. Chr. setzte. Die Inschriften, welche Corsini, K. F. Hermann und Aug. Mommsen benutzten, wurden jedoch von anderen (Böckh, Curtius) als nicht für diese Hypothese des verschobenen Jahresanfangs sprechend hin­gestellt; die Gegner zeigten, daß es sich in jenen Inschriften nur um Akte der Epheben handle, welche alljährlich zu einer bestimmten Zeit, nämlich im Boëdromion, vorgenommen wurden, und daß solche ephebische Monatsfolgen mit dem Boëdromion als erstem Monat ganz erhebliche Zeit vor Hadrian, sogar schon unter Trajan und Domitian vorkommen. In neuerer Zeit sind wieder einige Chronologen der Jahresanfangverschiebung geneigter geworden, namentlich seit der Auf­findung einer Prytanieninschrift i. J. 1871. Dieselbe1 bezieht sich auf das 15. Jahr nach dem ersten Besuche Hadrians in Athen und enthält die Gleichung Gamelion = VI. Pryt. Das Jahr des ersten Hadrianbesuches steht zwar nicht fest, konnte aber mit Hilfe mehrerer Inschriften von Dittenberger auf 124 oder 125 n. Chr. gesetzt werden; danach gehört die obige Inschrift in das Jahr 138 oder 139. Außerdem ergab sich, daß das 15. Jahr Hadrians (der Hadrian-Ära, s. oben) 13 Monate gehabt hat, also ein Schaltjahr war. Nun müssen wir uns zwar erinnern, daß im 15. Jahre Hadrians nicht mehr 12 Phylen, sondern 13 existierten (s. S. 338), demnach für die Be­urteilung der Gleichung Gamelion = VI. Pryt. auch 13 Prytanien in Betracht kommen. Aber weder ein Gemeinjahr noch ein Schaltjahr mit Sommeranfang genügt bei 13 Prytanien der genannten Gleichung;


1) Corp. Inscr. Att. III 1, no. 1023, p. 211: [Ἐπὶ ἄρχ]οντος Πραξαγόρου τοῦ [Τει]μοϑέου Θοριϰίου, ει´ ἀπὸ τῆς πρώτης ϑεοῦ Ἁδριανοῦ (ε)ἰς Ἀϑήνας ἐπιδημίας, μηνὸς Γαμηλιῶνος, ἐπὶ τὴς Αἰγηΐδος ς´πρυτανείας .....

[350 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

bei ersterem fällt der Gamelion in die VII. und VIII., beim Schalt­jahr ganz in die VIII. Pryt. Dagegen wird der Gleichung durch die Voraussetzung eines mit dem Herbste, dem Boëdromion anfangen­den Schaltjahrs völlig genügt. Schmidt und Hirschfeld nahmen deshalb an, daß in der Tat um die oben genannte Zeit der Monat Boëdromion den Anfangspunkt des bürgerlichen attischen Jahres gebildet haben muß. Etwas zurück­haltend verhielt sich dieser Hypothese gegenüber Aug. Mommsen1, ablehnend Unger, welch letzterer, in der Vertretung seiner Theorie der unregelmäßigen Prytanien­verteilung (s. S. 344) das obige Schaltjahr in 6 erste Prytanien zu je 36 Tagen und in 7 weitere zu 24 Tagen zerlegen will, eine Ausflucht, welche wohl die wenigsten zuzugeben geneigt sein werden. Im ganzen darf man sich aber der Jahresanfang­verlegung gegenüber noch zu­wartend verhalten, bis diese Hypothese durch weitere Inschriften der hadrianischen Zeit bestätigt wird. Die Maßregel, welche tief in den vielhundertjährigen Gebrauch, das Jahr mit dem Hekatombaion anzu­fangen, einschnitt, konnte sich in offiziellen Dokumenten nur einige Zeit erhalten.


1) Chronologie, S. 524 A. 1.

Startseite Band II Inhalt Voriger § Anfang Nächster § Register