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[350 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

§ 201. Zählung der Jahre. Olympiaden und Ären.

Die Griechen zählten anfänglich die Jahre wahrscheinlich nach den Naturjahren, wie der Ablauf der Jahreszeiten ungefähr ein solches Naturjahr vorstellte. Als Handel und Gesetz einen bestimmten Jahrbegriff erforderten, zählte man die Mondjahre nach den Regierungs­zeiten der Könige. In noch alter Zeit kam dann die Zählung nach den Amtsjahren der höchsten Magistrate, der Archonten und Ephoren, auf.

Die attischen Archonten (ἄρχοντες) waren anfangs lebens­länglich eingesetzt und begin­nen mit Medon um 1088 oder 1091 v. Chr. Das Amt vererbte sich (12 Medontiden) und wurde um Ol. 7, 1 (die alten Autoren geben abweichend voneinander Ol. 7, 1; 6, 4; 5, 4) unter dem dreizehnten Archon Alkmaion auf 10 Jahre beschränkt (Ol. 7, 1 = 752 v. Chr.). Nachdem um 713 die Archonwürde allen Eupatriden zugänglich gemacht worden war, reduzierte man die Amtsdauer des Archonten auf ein Jahr. Die lebens­länglichen und die zehnjährigen Archonten sind nur nach einigen Schriftstellern bekannt (Eusebios, Hieronymus, Synkellos, Exc. lat. Barb.) Für das Jahr des ersten der einjährigen Archonten Kreon wird jetzt allge­mein (die Alten weichen um 4 Jahre in den Angaben ab) Ol. 24, 2

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= 683 v. Chr. angenommen. Zur Herstellung einer Liste der ein­jährigen Archonten dienen bis zum Ende des 4. Jahrh. v. Chr. die Angaben von Dion. Halic., Diogen. Laert., Pausanias, Diodor Sicul. und der parischen Marmorchronik; besonders für den Zeitraum 496—291 v. Chr. läßt sich (hauptsächlich mit Hilfe des Diodor Sicul.) eine fast lückenlose Archontenreihe aufstellen. Von 290 ab bis zur römischen Kaiserzeit dagegen blieben bisher die Listen, trotz der ziemlich zahlreich eintretenden Inschriften­behelfe, stellenweise noch unsicher, und die einzelnen Autoren wichen in den Aufstellungen dieser Archontenfolgen oft sehr voneinander ab, so daß die Archonten­listen, ungeach­tet einiger Verbesserungen in den letzten zwanzig Jahren, für die Zeit von 290 v. Chr. ab eigentlich nur das Produkt verschiedener historischer Konjekturen darstellen. Die neueste Zeit hat endlich einen wesentlichen Fortschritt gebracht. 1899 entdeckte Ferguson, daß in einigen Zeit­perioden des 4. und 3. Jahrh. v. Chr. die attischen Ratsschreiber in der Ordnung der Phylen einander ge­folgt sind, d. h. also, der Rats­schreiber wurde in einem Jahre z. B. aus der Erechtheïs, im folgenden aus der Aigeïs, dann aus der Pandionis usf. genommen. Mit Hilfe dieser Beobachtung ließen sich eine Reihe zeitlich zweifelhafter Archonten des 3. und 2. Jahrh. festlegen. Weiter fand Ferguson 1906, daß auch die athenischen Asklepiospriester, ähnlich wie die Ratsschreiber, in der offiziellen Ordnung der Phylen aufeinander folgten, ein Resultat, zu welchem selbständig und nahezu gleichzeitig auch J. Sundwall gelangte. Außer­dem hat sich in neuerer Zeit J. Kirchner erfolgreich mit der Be­stimmung der Archonten beschäftigt. Die als Tafel VI am Schluß dieses vor­liegenden II. Bandes angehängte attische Archontenliste beruht auf der Prosopographia Attica1 des letztgenannten Autors. Herr Prof. Kirchner hat aber die Güte gehabt, diese Liste zu revidieren und mit den Ergebnissen seiner neueren Arbeiten2, sowie jener von Ferguson und einiger Resultate von Kolbe3 zu bereichern, so daß ich in der Lage bin, dem Leser eine dem heutigen Stand des Wissens entsprechende Tafel der attischen Archonten darzubieten. — Über 31 v. Chr. hinauf wird die Herstellung der Archonten­reihe sehr schwierig wegen des Mangels an überlieferten Namen. Der bis jetzt nachweisbare letzte Archont ist 485 n. Chr.

Die attischen Archonten bildeten ein Kollegium von 9 Mitgliedern; nach dem Vorsitzenden, dem Archon, bei den Schriftstellern der


1) Berlin 1901—1903, 2 Bände.

2) Götting. Gel. Anz. 1900, S. 433—481 ; Berl. Philol. Wochenschr. 1906 S. 980 f., 1908 S. 880 f., 1909 S. 844 f.

3) Ferguson, The Athen. archons of the 3. a. 2. cent. b. Chr. 1899; Ders., The priests of Asklepios 1906; Kolbe, Die att. Archonten von 293—31 v. Chr. 1908.

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Kaiserzeit und in den Inschriften der ἄρχων ἐπώνυμος, wurde das Jahr benannt. Der Amtsantritt erfolgte am Anfang des bürgerlichen Jahres. Trotz des Verlustes der politi­schen Selbständigkeit Griechenlands erhielt sich die Würde des Archon in Athen bis ins 5. Jahrh. n. Chr. Die bei Plutarch1 sich findende Bemerkung, daß die Athener zur Huldigung für die Könige Demetrios und Antigonos beschlossen hätten (307 v. Chr.), das Jahr solle nach dem ἱερεὺς Σωτήρων (dem Priester der rettenden Gottheit) benannt werden, beruht auf einem Mißver­ständnis2. — Archonten gab es übrigens auch in Böotien, Megara, Lokris, Phokis, Doris, Thessalien, auf einzelnen Inseln und in mehreren Städten. In Sparta und bei den dorischen Stämmen da­gegen werden die Archonten durch die mit ähnlichen Amtsbefugnissen ausgerüsteten Ephoren ersetzt. Wie in Athen dem Archonten war dem Ephoros, dem ersten des fünfgliedrigen Kollegiums, auch die Über­wachung des Zeit­rechnungs­wesens anvertraut, und er gab dem Jahre den Namen. — In Argos zählte man, wie z. B. aus einer Notiz des Thukydides3 ersichtlich ist, nach den Jahren der Heresis, d. h. nach den Amtsjahren der Priesterin der Hera.

Die Datierung nach Archontenjahren ist so alt wie das Archontat selbst. Die Schriftsteller und Chronographen nennen den Namen des Archon, öfters mit Zusatz des Monatstages, um die Zeit eines Ereignisses auszudrücken. Plutarch z. B. bezeichnet (Arist. 5) das Jahr, in welchem die Athener den Sieg bei Marathon gewannen, durch den Archon Phainippos und fügt hinzu, daß das Jahr danach Aristeides Archon war (s. Tafel VI sub Ol. 72, 3 und 72, 4); von Solon sagt er, daß dieser nach dem Abgang des Philombrotos (s. Tafel VI sub Ol. 46, 2) zum Archon und Gesetzgeber gewählt worden sei (Solon 14). In der Geschichte des peloponnesischen Krieges führt Thukydides (V 19) das Datum des Friedensvertrages zwischen Sparta und Athen an: den Ephoros Pleistolas im Monate Artemision am 4. Tage des letzten Monatsdrittels und den attischen Archon Alkaios im Monat Elaphebolion, am 6. Tage des letzten Drittels. — In den Verträgen, Dekreten und sonstigen Urkunden wird, um eine möglichst zweifelfreie Datierung zu erreichen, neben


1) Demetrios 10: „Sie (die Athener) setzten die beiden (Demetrios und Anti­gonos) in die Zahl der rettenden Götter, hoben die uralte Archontenwürde, nach welcher das Jahr genannt wurde, auf und wählten dafür jährlich einen Priester der Retter, dessen Name allen öffentlichen Dekreten und Akten vorgesetzt werden sollte.“

2) Vgl. A. Kirchhoff, Ist in Athen jemals nach Priestern der Soteren datiert worden? (Ztschr. Hermes II, S. 161).

3) II 2: Im 15. Jahre (nach der Eroberung von Euböa), im 48. der Priesterin der Chrysis zu Argos, unter dem Ephoros Ainesios von Sparta, unter der Regierung des Pythodoros zu Athen

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dem Namen des Archon auch der Name des Ratsschreibers, der Name (oder die Ziffer) der Prytanie sowie der Prytanientag angegeben; im § 199 sind einige Beispiele dieser Datierungsweise angeführt worden. Bei den Protokollen der Rats- und Volks­versammlungen verfuhr man, wenigstens in der älteren Zeit, nicht so genau. Neben dem Namen des Archon erscheint der des Schriftführers, oder der letztere ver­drängt den ersteren völlig oder auf einen Nebenplatz; an Stelle des Monatsdatums tritt der Name des (täglich wechselnden) Epistaten und allenfalls der Name der Prytanie.

Da die Zählung der Jahre nach den Archonten, Ephoren und nach König- und Priesterjahren je nach den Staaten sehr ver­schieden war und, wie wir gesehen haben, auch die Zeiten der Jahres­anfänge voneinander differierten, so entstand für die Gelehrten und Historiographen die Notwen­digkeit, wenn es sich um längere Zeit­räume handelte, die Ereignisse usw. durch eine gemeinsame Ära mit­einander vergleichen zu können. Das geeignetste Mittel hierzu boten die zyklischen, in regelmäßigen Jahresintervallen gefeierten Spiele der Griechen; denn da einigen dieser Spiele nationale Bedeutung zukam und die Zeit der Spiele im Volke bekannt war, ließen sich die Zeiten der Ereig­nisse durch die in gleichmäßigen Intervallen von einem festen Ausgangspunkte gezählten Jahre der Festspiele populär ausdrücken. Die vornehmlichste Ära, welche die Chronologen an solche nationale Spiele knüpften, war die Rechnung nach Olympiaden. Diese gründet sich auf die nach je vier Jahren wiederkehrende Feier der olympischen Spiele. Über diese Spiele soll, um im § 202 bei den griechischen Festen nicht mehr darauf zurückkommen zu müssen, das Notwendigste gleich hier angegeben werden.

Die Olympien, in hohes Alter der griechischen Geschichte hinaufreichend, sind der Sage nach von Hercules gestiftet und von Iphitos wieder eingeführt worden. Sie fanden alle 4 Jahre statt, weshalb sie von den Griechen als πενταετηριϰοί (von den Römern als quinquennales) bezeichnet werden. Sie fallen vor Christus in die geraden julianischen Jahre (z. B. 772 v. Chr.), nach Christus in die ungeraden Jahre (z. B. 11 n. Chr.). Die Spiele scheinen in den ersten Jahr­hunderten nur eintägig bis dreitägig gewesen zu sein; etwa um 468 v. Chr. hat man sie (nach Pausan. V 9, 3) auf 5 Tage erweitert; als die Olympien von ganz Griechenland gefeiert wurden und selbst das Ausland sich daran beteiligte, dauerten die Spiele auch länger als 5 Tage. Die Monats­tage der Spiele waren der 12. Tag bis inklusive des 16. Tages, in der Spätzeit Griechen­lands wurde noch ein Tag, der 11., für die Kämpfe der Knaben, hinzugegeben1


1) Die Ordnung der Spiele war etwa folgende: am 12. Tage Kämpfe der Pferde, am 13. Pentathlon, am 14. Opfer und Prozession (Hochfest), am 15. Wett- [Fortsetzung der Fußnote]

Ginzel, Chronologie II. 23

[354 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

Die Jahreszeit der Spiele setzten die früheren Chronologen auf die Zeit des ersten Vollmondes nach der Sommerwende, bald in den Skirophorion, bald in den Hekatombaion, etwa in den Juli. Nach den alten Autoren (Aelian, Diogen. Laert., Censorin) fielen sie in die heiße Jahreszeit (Censorin XXI 6: diebus aestivis). Eine weitere Bestimmung ergibt sich aus einer Schriftstelle des Scholiasten des Pindar; es heißt dort, daß man den olympischen Agon bald nach 49, bald nach 50 Monaten begehe, daher komme es, daß er sich in den zwei Monaten Parthenios und Apollonios, den Thoth und Mesori der Ägypter, vollziehe1. Durch diese Notiz wird die Stellung der Spiele in dem Kalender der Eleer angegeben, die Monate Parthenios und Apollonios, welche dem ägyptischen Thoth resp. Mesori entspre­chen. Da man kaum annehmen darf, daß hier Gleichungen mit Monaten des ägyptischen Wandeljahrs aufgestellt werden, sondern daß man Monate des alexandrinischen Jahres anzunehmen hat (Aug. Mommsen), so umfaßt das Intervall vom alexandrinischen Monate Mesori bis zum Ende des Thoth (s. I 225) die Zeit vom 25. Juli bis zum 27. September. Die Zahlen 49 und 50 Monate erklären sich aus dem nach einer Oktaëteris (99 Mondmonate) regulierten Olympienmonat des Kalenders der südeleischen Stadt Pisa (die Eleer hatten Pisa unterworfen); dem pisäischen Olympienmonat entspra­chen danach zwei miteinander abwechselnde Monate, der Apollonios und der Parthenios. Eine weitere wichtige Stelle bei dem Scholiasten des Pindar liegt uns nur in sehr verstümmelter Form vor; ich gebe dieselbe unten - in der Note mit den Verbesserungen von Aug. Mommsen, Unger, Böckh, Sybel und Weniger, folge aber der Interpretation des Letztgenannten. Danach lautet die Über­lieferung folgendermaßen: „Über die Zeit, zu der die Olympien in jeder Olympiade gefeiert werden, spricht sich


[Anfang der Fußnote] laufen, am 16. Ring- und Faustkampf, Pankration. Dieser Spielplan scheint nach den Autoren (Pausanias, Pindar und dessen Scholiasten, Plutarch) unverändert geblieben zu sein.

1) Schol. vet. Pind. Ol. III 35: Ὅτι πανσελήνῳ ἄγεται ὀ Ὀλυμπιαϰὸς ἀγὼν ..... γίνεται δὲ ὁ ἀγὼν ποτὲ μὲν διὰ τεσσαράϰοντα ἐννέα μηνῶν, ποτὲ δὲ διὰ πεντήϰοντα, ὅϑεν ϰαὶ ποτὲ μὲν τῷ Ἀπολλωνίῳ μενὶ ποτὲ δὲ τῷ Παρϑενίῳ, παρ᾽ Αἰγυπτίοις Μεσωρὶ ἢ Θὼϑ ἐπιτελεῖται.

2) Ibid. III 33: Περὶ τοῦ χρόνου, ϰαϑ᾽ ὃν ἄγεται τὰ Ὀλύμπια ϰαϑ᾽ ἑϰάστην Ὀλυμπιάδα Κιϰω μ῀ [Πολέμων, Weniger ϰαι Κώμαρχος] ὁ τὰ περὶ Ἡλείων [Böckh; Sybel τῶν Ἡραϰλείων] συγϰατάξας [συντάξας?] φησὶν οὕτω[ς]· πρῶτον μὲν οὖν παντὸς περίοδον συνέϑηϰεν ἐν τῇ ἡμέρᾳ [A. Mommsen συνέϑηϰαν νηυμ´ ἡμερῶν, ἦς; Unger συνέϑηϰε νεφιη´ ἡμερῶν, ὦν; Weniger πεντετηρίδα´] ἄρχειν νουμηνίαν μηνὸς ὃς Θωσυϑιὰς ἐν Ἤλιδι ὀνομάζεται, περὶ ὃν τροπαὶ ἡλίου γίνονται χειμεριναί. ϰαὶ πρῶτα Ὀλύμπια ἄγεται η´ μηνί. ἑνὸς δὲ ὄντος διαφερόντων τῇ ὥρᾳ τὰ μὲν ἀρχομένης [A. Mommsen ἀρχόμενα] τῆς ὀπώρας, τὰ δὲ ὑπ᾽ αὐτὸν τὸν ἀρϰτοῦρον. ὅτι δὲ [Weniger ϰατὰ πενταετηρίδα] ἄγεται ὁ ἀγών, ϰαὶ ὁ Πίνδαρος μαρτυρεῖ.

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auch Komarchos, der Verfasser des Buches über die Eleer, folgender­weise aus: ‚Zuerst vor allen richtete er (Herakles) die 5jährige Periode ein. Anfangen soll der Neumond des Monats, der in Elis Thosythias heißt, um dessen Zeit die winterliche Sonnenwende ein­tritt, und die ersten Olympien werden im 8. Monat gefeiert. Denn infolge der Differenz eines Monats sind sie in der Jahreszeit ver­schieden und beginnen die einen in der Zeit der Obsternte, die andern erst um die des Arktur.‘ Daß aber in 5 jährigem Abschnitte der Wettkampf gefeiert wird, bezeugt auch Pindaros selber.“ Wenn also das eleische Jahr im Januar anfing (die Alten geben für das Wintersolstitium den 25. Dezember1), so war der achte Monat, der Apollonios, ungefähr der August, was mit der Gleichung Mesori = Apollonios stimmt. Der Monat Apollonios war der Monat der ersten Olympienfeier, welche auch dem Anfange einer tetraëterischen Periode entsprach. Nach 49 Monaten (die erste Tetraëteris enthält 3 Gemeinjahre und 1 Schaltjahr) wären die Spiele wieder in den Apollonios gefallen, sie wurden aber — s. oben die Differenz von einem Monat — erst im nächsten Monat, dem Parthenios gefeiert. Da die zweite Tetraëteris 50 Monate (2 Gemeinjahre und 2 Schalt­jahre) hatte, sollte 50 Monate nach dem Parthenios die nächste Olympienfeier sein, aber sie (die dritte Olympiade) wurde schon nach 49 Monaten, wieder im Apollonios gefeiert. So wechselten die Olympien innerhalb einer 8jährigen Periode der Zeit nach mitein­ander ab, die ungeraden Olympiaden nach 49 Monaten im Apollonios, die geraden nach 50 Monaten im Parthenios. Der früheste Apollonios konnte etwa am 23. Juli, der späteste am 22. August anfangen, der früheste Parthenios am 6. August, der späteste am 5. September. Der Apollonios entsprach dem attischen Metageitnion, der Parthenios dem Boëdromion. Die Spiele fanden also in den attischen Monaten Metageitnion oder Boëdromion, im 2. oder 3. Monate statt d. h. sie fielen in den August oder September. Zu ähnlichem Resultate, daß die Olympien erheblich später angenommen werden müssen als nach den früheren Chronologen der Skirophorion oder Hekatombaion, ge­langen außer L. Weniger auch Aug. Mommsen, Unger und Nissen, nur weichen sie in den näheren Festsetzungen etwas voneinander ab, Aug. Mommsen operierte mit einer 160jährigen, um 456 v. Chr. ein­geführten Oktaëteris2 und gelangte auf den Metageitnion als Spiel­monat. Unger nahm eine 152 jährige Periode an und erhielt etwa dieselbe Zeit (August—September). Nissen faßte seine Resultate in die Regel zusammen, daß die ungeraden Olympiaden mit dem Voll-


1) Im Jahre 776 v. Chr. fiel das Wintersolstiz astronomisch auf den 28. Dezember.

2) Über die 160jährige Periode s. § 204.

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mond des August, die geraden mit dem des September begonnen haben. Auch die in den letzten Sätzen des obigen Scholions ent­haltene Abgrenzung, daß die Spiele in der Jahreszeit verschieden fielen, um die Zeit der ὀπώρα bis gegen den Arktur (d. h. das Wieder­erscheinen des Arktur) hin, führt auf August—September. Den Begriff der ὀπώρα haben wir (S. 312) als die heiße Zeit des Jahres, wenn der Sirius heliakisch aufgeht, kennen gelernt, jedoch die Zeit der ὀπώρα bis auf den Herbst ausdehnbar gefunden. Der heliakische Aufgang des Sirius bleibt für die Breite von Athen (und Elis) durch Jahrhunderte hindurch auf dem 28. Juli haften; jener des Arktur, das Zeichen zum Herbstanfang, fällt für 700 v. Chr. auf den 17. September und verschiebt sich in je 200 Jahren nur um 1 12 Tage später (s. Tafel I c). Ungefähr zustim­mende Resultate für die Feier der Olympien im Spätsommer hat Nissen auch aus den gemessenen Richtungen der Axen der olympischen Tempel und den daraus ge­zogenen Schlüssen über die Gründungsjahre der Tempel erhalten. So vereinigt sich alles, die Zeit der olympischen Spiele wesentlich später anzusetzen, als um die Zeit nach der Sommersonnenwende.

Die Namen der Sieger in den Olympien sollen seit dem Siege des Koroibos1 d. i. seit 776 v. Chr. öffentlich aufgezeichnet und ununterbrochen fortgeführt worden sein. Diese Listen (ὀλυμπιονῖϰαι, Pausan. III 21, 1; V 21, 5) waren nach 4jährigen Intervallen ge­ordnet und boten so den Geschicht­schreibern ein Hilfsmittel, irgend­welche Ereignisse, die nach den stark voneinander abweichenden Zeitrechnungs­arten der verschiedenen Stämme stattgefunden haben sollten, durch einunddieselbe Ära auszudrücken. Auf die Angabe von historischen Tatsachen sind die 4jährigen Verzeichnisse vermutlich (nach Unger) schon von Ephoros ange­wendet worden. Timaios (3. Jahrh. v. Chr.) hat nach Mitteilung des Polybios (XII, 11) die Namen der olympischen Sieger mit den Archonten von Athen, den Königen und Ephoren von Sparta und den Herapriesterinnen von Argos verbunden und geordnet. Deshalb betrachtet man ihn als denjenigen, der zum Gebrauche der Olympiaden als chronologisches Zählmittel den Anstoß gegeben hat. Seit der alexandrinischen Zeit wurde die Rechnung nach Olympiaden bei den Chronographen allge­mein (Eratosthenes, Phlegon, Julius Africanus, Philochoros, die parische Marmorchronik u. a.). Namentlich durch Eratosthenes und Apollodoros hat sich die Olympiadenrechnung verbreitet.

Die Epoche der Olympiaden ist der Sommer 776 v. Chr., in welchen, wie bemerkt, der Sieg des Koroibos fiel. Dieses Jahr wurde


1) Pausan. V 8, 6: Ἐξ οὗ γὰρ τὸ συνεχὲς ταῖς μνήμαις ἐπὶ ταῖς Ὀλυμπιάσιν ἐστί, δρόμου μὲν ἆϑλα ἐτέϑη πρῶτον, ϰαὶ  Ἠλεῖος Κόροιβος ἐνίϰα.

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(nach Aristodemos und Polybios [s. Euseb. Chronic. I, p. 194]) als dasjenige betrachtet, mit dem die Siegerliste anfängt. Daß das Jahr 776 das erste der ersten Olympiade, oder 776 = Ol. 1, 1 ist, davon kann man sich auf verschiedene Weise aus den Schriftstellern überzeugen. So z. B. setzt Diodor (XX 5, 5) die große Sonnen­finsternis, welche während der Flucht des Agathokles vorfiel1, in das Jahr des attischen Archon Hieromnemon; letzteren setzt Diodor2 selbst auf Ol. 117, 3. Die Sonnenfinsternis kann aber keine andere sein als die vom 15. August 310 v. Chr.3. Geht man also von Ol. 117, 3 um 116, 2 oder 466 Jahre zurück, um auf das Jahr der Ol. 1, 1 zu gelangen, so erhält man 466 + 310 = 776 v. Chr. Auch aus einer Schriftstelle des Censorin wird man auf das genannte Jahr geführt; es heißt (XXI 6): hic annus, cuius velut index et titulus quidam est V. C. Pii et Pontiani consulatus, ab Olympiade prima mille­simus est et quartus decimus (1014 s. a. c. 18), ex diebus dumtaxat aestivis, quibus agon Olympicus celebratur. Das Konsulatsjahr, das hier genannt wird, fällt 4951 julianisch oder 238 n. Chr. Um die im Sommer 1014 beginnende Olympiade zu erhalten, muß man um 1013 Volljahre zurückgehen, um Ol. 1, 1 zu finden, d. h. auf 776 v. Chr. — Wie schon oben bemerkt, wurden die olympi­schen Spiele in der Mitte des Monats begangen, nicht am Anfang; ferner fielen die Spiele nicht mit den Jahresanfängen der verschiedenen Staaten zu­sammen, die sehr vonein­ander differierten (s. § 198). Daher einigte man sich, die Rechnung der Olympiaden auf den Anfang des attischen Jahres, den 1. Hekatombaion, zu legen; es machen also je 4 attische Archontenjahre eine Olympiade. Man hat sich daher bei der Reduktion von Olympiaden auf julianische Jahre zu erinnern, daß die so redu­zierten Jahre im Sommer anfangen. In dem nächsten Beispiele ent­spricht also z. B. Ol. 117, 3 der Zeit vom 1. Heka­tombaion 310 bis zum letzten Skirophorion 309 v. Chr. Zur Reduktion von Olympiaden auf julianische Jahre nimmt man die seit Ol. 1, 1 verflossene Olympiaden­zahl, multipliziert die restierenden Olympiaden mit 4, gibt das be­treffende Jahr der Olympiade hinzu und zieht von 776 ab; z. B. in dem im obigen Beispiel gegebenen Falle Ol. 117, 3 hat man 117, 3 − 1, 1 = 116, 2, also 116 · 4 + 2 = 466, demnach 776 − 466 = 310 v. Chr. Umgekehrt: ist für ein gegebenes julianisches Jahr die entsprechende Olympiade zu suchen, so hat man von 776 die Jahre vor Christus abzuziehen, den Rest durch 4 zu dividieren und zum Quotienten noch Ol. 1, 1 hinzuzulegen; z. B. für das Jahr 457 v. Chr. ist 776 − 457 = 319, der Quotient = 79, 3 + 1, 1 = 80, 4, also 457 v. Chr. = Ol. 80, 4.


1) S. Taf. II 1 am Schlüsse des Bandes.

2) S. Taf. VI am Schlüsse des Bandes.

3) Vgl. J. Beloch, Griech. Geschichte, III. Bd., 2. Abt., 1904, S. 201.

[358 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

Für die Verwandlung von Jahren nach Christus in Olympiaden hat man zum gegebenen Jahre 776 zu addieren, die Summe durch 4 zu dividieren und die erhaltene Olympiade um 1 zu vermehren; z. B. für das Jahr 242 n. Chr. hat man 776 + 242 = 1018, Quotient 254, 2, daher 242 n. Chr. = Ol. 255, 2. In Tafel V dieses II. Bandes findet man die Gleichung der Olympiaden zu den julianischen Jahren von 776 v. Chr. bis 300 n. Chr. angegeben, ist also für diese Zeit der Reduktion enthoben.

In manchen Zeitrechnungsarten wird das Olympiadenjahr auf den entsprechenden Jahresanfang gelegt. Im lakonischen und make­donischen Jahr, welche beide mit dem Herbst anfangen, läuft Ol. 1, 1 vom Herbst 777 bis zum Herbst 776 v. Chr. So rechnen Phlegon, Julius Africanus und die nach dem makedonischen Kalender datierenden Schriftsteller; die Byzantiner zählen Ol. 1, 1 vom 1. September 777—776 v. Chr. Polybios hat ihm eigentümliche Olympiadenzählungen.

Seit Eratosthenes seine Chronik auf die Olympiadenzählung gestellt hat, wurde die Olympiadenära, wie oben bemerkt, allgemeiner Brauch unter den Gelehrten. Über diesen Rahmen hinaus ist sie nicht gedrungen und im bürgerlichen Leben nicht angewendet worden. Hier und da erscheint sie nur mit Bezug auf die olympischen Spiele, wie in den Anathemata und Ehreninschriften der Olympioniken. Die letzten Spiele wurden 393 n. Chr. gefeiert; weiterhin wurden sie durch Kaiser Theodosius als heidnisch aufgehoben, an die Stelle der Olympiaden trat die Zählung nach Indiktionen1. Eine Spur der Olympiadenzählung in sehr alter Zeit vermutete Aug. Mommsen auf einem zu Olympia gefundenen Bronze-Diskus, welcher auf der einen Seite die Zahl 255. Ol., auf der andern Ol. 456 trägt. Mommsen glaubte hier eine besondere Olympiadenzählung, welche von der Epoche 1580 v. Chr. ausgeht, annehmen zu können (?)2. Mommsen neigte auch zu der Hypothese, daß die Olympien ehemals nicht 4 jährig, sondern in Intervallen von 8 Jahren gefeiert worden sind, da er die Oktaëteris (s. § 206) für eine sehr alte Institution der Griechen hält und in den 2-, 4- und 8jährigen anderweitigen Spielfesten die An­wendung chronologischer Zyklen vermutet.

Außer den olympischen Spiele können auch mehrere andere nationale Spiele, welche zyklisch gefeiert worden sind, zu Zeit­bestimmungen dienen; denn obwohl sich für dieselben nicht ihre Epochen angeben lassen, so kann man doch die Zeit von Ereignissen, die in die Nähe der Spiele fielen, schätzen. Diese zyklischen Spiele sind: 1) Die pythischen Spiele (Pythien) zu Delphi, ehe-


1) Kedrenos 1573.

2) Aug. Mommsen, Über die Zeit der Olympien, Leipzig 1891, S. 30. 31.

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mals achtjährig, seit Solon vierjährig begangen in jedem dritten Olympiadenjahre, sie fielen in den delphischen Monat Bukatios (s. oben S. 305), den attischen Metageitnion, vermutlich im Anfange dieses Monats (7. Bukatios? Böckh, Corp. Inscr. Graec. I pag. 813); 2) die isthmischen Spiele, alle 2 Jahre, jedes 2. und 4. Olympiaden­jahr, im Frühling (dem attischen Munychion entsprechend ?) gefeiert ; 3) die nemäischen Spiele ebenfalls alle 2 Jahre im Monat Pan­emos (Hekatombaion) [am 18.?] in denselben Olympiadenjahren wie die Isthmien. — Die Siegerlisten dieser Spiele wurden von einigen der alten Autoren (Aristoteles, Hellanikos) gesammelt; für die Chronologie hat die Zählung nach den zyklischen Spielen eine bei weitem geringere Bedeutung als die Olympiadenära.

Zur Ausbildung von sonstigen Ären ist es im alten Griechen­land nicht gekommen. Die sogenannte Hadrian-Ära (neuattische) wurde bereits (S. 349) erwähnt; sie wurde von den Athenern als eines der Zeichen der Dankbarkeit eine Zeit lang angewendet, womit sie den wiederholten Besuch des Kaisers Hadrian in Athen ehren wollten. Einige Inschriften mit Datierungen „im (3., 4., 15. und 27.) Jahre seit des hochseligen Kaisers Hadrian Anwesenheit“ haben sich erhalten1. Die Grenzen der Epoche dieser ephemeren Ära liegen zwischen 124—133 n.Chr.; Aug. Mommsen hat sich für die Gleichung Hadr. 1 = Ol. 226, 2 oder 126 n. Chr. entschieden. Von einer Jahres­zählung in Epidauros vermutet man, daß dies eine bloße Tempel- oder Priesterära war. Eine provinziale Ära soll um 146 v. Chr. in Achaia bestanden haben (nach Foucart); diese Vermutung ist indes nach Kästner nicht begründet.

Die troische Ära, eine Gelehrten-Ära, deren man sich be­diente, um Ereignisse aus langen Zeiträumen anzugeben, geht von der Zeit der Zerstörung Trojas aus. Da letztere nur höchst unsicher angegeben werden kann, so weichen die Ansätze der Alten über die Epoche der Ära sehr stark vonein­ander ab. Die älteste Annahme 1059 v.Chr. rührt vermutlich von Pherekydes her, 1096 von Isokrates, 1171 von Sosibios; Hellanikos und das Marmor Parium geben frühere Zeit, Jul. Africanus 1198, Kastor 1208, Timaios 1334. Das meiste An­sehen hatte im Altertum die Bestimmung von Eratosthenes, welcher mit Hilfe der Listen spartanischer Könige2 rechnete und3 die Er-


1) Corp. Inscr. Att. III 1 no. 735. 1023. 1107. 1120; z. B. no. 735: οἱ ἐπὶ Τιβ. Κλαυδίου Ἡρώδου Μαραϑωνίου ἄρχοντος, τρίτου (ἔτους) ἀπὸ τῆς ἐπιδημίας τοῦ μεγίστου Αὐτοϰράτορος Καίσαρος Τραϊανοῦ Ἁδριανοῦ Σεβαστοῦ .....

2) Plutarch, Lykurg 1: Andere aber, welche die Zeit nach der Folge der spartanischen Könige berechnen, wie Eratosthenes und Apollodorus .....

3) Clemens Alex., Strom. I 21, § 138 (Pott).

[360 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

oberung Trojas auf 1183 v. Chr. setzt (407 Jahre vor die erste Olympiade). Durch Dionysios von Halik. und durch Apollodoros, welcher in seinen χρονιϰά denselben Ansatz annahm, wurde die Eratosthenische Bestimmung wesentlich verbreitet. Die troische Ära ist, da sie von späten Ereignissen zurückberechnet wurde, keine historische Ära. Die Schriftsteller bedienen sich ihrer hier und da bei der Abfassung ihrer chronologischen Systeme.

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