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[§ 217. Die Doppeldatierungen ϰατ᾽ ἄρχοντα, ϰατὰ ϑεόν und das Sonnenjahr. 453]

§ 217. Die Doppeldatierungen ϰατ᾽ ἄρχοντα, ϰατὰ ϑεόν und das Sonnenjahr.

Außer den bisher erwähnten Datumgleichungen zwischen einem bestimmten Tag und Monat des Kalenders und der diesem Datum entsprechenden Prytaniedatierung kommen etwa vom 2. Jahrh. an in Dekreten usw. noch Datierungen vor, welche unter den Beifügungen ϰατ᾽ ἄρχοντα resp. ϰατὰ ϑεόν als Gleichungen angegeben werden. In einer Urkunde aus dem Jahre des Archon Metrophanes (jetzt 133 v. Chr. gesetzt, s. Archonten­verzeichnis Taf. VI dieses Bandes) heißt es z. B. (Corp. Inscr. Att. II 1 no. 408 p. 197): ἐπὶ τῆς .... δεϰάτης πρυτανείας .... Ἐλαφηβολιῶνος ἐνάτει μετ᾽ εἰϰάδας ϰατ᾽ ἄρχοντα, ϰατὰ ϑεὸν [δ]ὲ [Μ]ουνιχι[ῶ]νος δ[ωδ]ε[ϰά]τει, δωδεϰάτει τῆς πρυτανείας. Es wird also hier das Datum 29. Elaphebolion ϰατ᾽ ἄρχοντα mit dem 12. Muny­chion ϰατὰ ϑεόν und dem 12. Tage X. Pryt. geglichen. Böckh, welcher sich zuerst mit einigen solchen, gewissermaßen dreifachen Datie­rungen beschäftigte, versuchte die Datierung ϰατ᾽ ἄρχοντα und ϰατὰ ϑεόν mit-

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einander durch Beziehung auf Metons Kalender als „alten“ Stil und auf die Datie­rung nach Kallippos als „neuen“ Stil in Übereinstimmung zu bringen1. Nach Em. Müller wäre der archontische Kalender (ϰατ᾽ ἄρχοντα) der auf Metons Zyklus gegründete, der Gotteskalender (ϰατὰ ϑεόν) der auf die alte Oktaëteris sich bezie­hende. Die späteren Chrono­logen (Usener, Lipsius, Köhler) betrachteten ähnlich die Datierung ϰατὰ ϑεόν als die einem älteren Kalender­system angehörige, die Datierung ϰατ᾽ ἄρχοντα als ein neueres System oder als Resultat will­kürlicher Eingriffe der Archonten in die bürgerliche Zeit­rechnung. Namentlich Aug. Mommsen vertrat den letzteren Standpunkt; nach ihm ist der Gottes­kalender der lunisolare bürgerliche, und die Datierung ϰατ᾽ ἄρχοντα bedeutet ausdrücklich vom Archon­ten angeordnete Ein­schiebungen resp. Ausmer­zungen von Tagen. Die Notwendigkeit, zu gewissen Zeiten die Zahl der Arbeits­(Geschäfts-)tage zu vergrößern, oder Festzeiten zu verlegen, dem Aberglauben nach unglückliche oder ungünstige Tage dann und wann zu beseitigen usw., soll die Archonten zu solchen Eingriffen in den bürgerlichen Kalender veranlaßt haben2. Dagegen erklärte Unger schon 1875, daß es sich bei beiden Datierungen um zwei voneinander ganz verschiedene Systeme handle. Die Prytanien­datierung entspricht in den Gleichungen der Datierung ϰατὰ ϑεόν, also dem Gotteskalender: da das Jahr vom Sonnengott, die Monate von der Mondgöttin regiert werden, so könne unter dem „Gottesjahr" nur das Sonnenjahr verstanden werden. Für Helios war das Datum des Jahranfangs der Tag des Sommer­solstiz (der solare 1. Hekatombaion); für den Archon eponymos, der das lunisolare bürgerliche Jahr erneute, der vom Sonnenjahre ganz unabhängige Jahresanfang, der lunisolare 1. Hekatombaion. Das Gottesjahr oder Sonnen­jahr sollte vermutlich die sehr oft ungleiche Prytanienverteilung regulieren, und durch seine Einführung hoffte man das alte Lunisolarjahr schließlich zu ver­drängen. Der allge­meine Gebrauch des Sonnenjahrs drang aber nicht durch, und das Gottesjahr verfiel bald wieder, möglicherweise auch durch eine Neuerung, die am Amtsjahre selbst vorgenommen worden ist. — Die entgegengesetzte Anschauung hat Ad. Schmidt, nämlich, daß die Datierung ϰατὰ ϑεόν dem bürgerlichen d. h. lunisolaren Kalender angehöre, während der Kalender (ϰατ᾽ ἄρχοντα ein neu ein­geführter, auf dem Sonnenjahr beruhender war, welcher den Zwecken


1) Mondzykl. I 59, II 30.

2) Chronol. S. 137: So lange der Archon dem unregelmäßigen Wegfall eines Kalendertages die entsprechende Berichtigung (Einschiebung) bald folgen ließ, wurde dieses Verfahren dem Datum­wesen nicht sehr gefährlich, zumal, wenn es nur hin und wieder als Ausnahme zugelassen wurde. Aber im Verlaufe (2. Jahrh.) nahm der kalendarische Unfug immer größere Dimensionen an. Vermutlich hat man sich manchmal erlaubt, mehrtägige Spatien auszumerzen oder einzuschalten.

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des allgemeinen Verkehrs, der Agrikultur, des Volkslebens dienen sollte. Die Auf­stellung der Grund­prinzipien eines auf der jährlichen Sonnenbewegung fußenden Kalenders reicht nach Schmidt bis in die Zeit Metons zurück; in öffentlichen Urkunden sei der allmählich konstituierte Sonnenjahr­kalender durch die Archonten seit 322 v. Chr. angewendet worden. Von da ab war das Sonnenjahr bei den Athenern in regelmäßigem Gebrauche; es bestanden also seit dieser Zeit zwei Kalender neben­einander, ein Mondkalender und ein Sonnenjahrkalender. — In neuester Zeit sind Aufstellungen über die attische Doppel­datierung gemacht worden, welche dem Gegenstande eine neue Wendung geben. Aus der Unter­suchung der attischen Münzen kam Macdonald1 zu der Erkenntnis, daß der sogenannte „dritte Beamte“ des Münz­kollegiums (welchem die Überwachung des Münzwesens vom Areopag anvertraut war) nicht nach dem Lunisolarjahr die Verwaltung ge­führt haben kann, sondern nach einem Sonnenjahr. Die Amtszeit, welche bei einem 12gliedrigen Kollegium hätte einen Monat betragen sollen, verschiebt sich für den „dritten Beamten“ gegen die bürger­lichen Mondmonate, so daß sie sich in einem Mondjahre von einem Monat in den nächsten Monat hinein erstrecken würde oder daß die Amtszeit zweier „dritter Beamten“ in denselben Monat fiele; dagegen wird die Dauer der Amtszeit erklärt, wenn man ein Sonnenjahr zu­grunde legt. J. Sundwall2 hat nun die attischen Datie­rungen ϰατ᾽ ἄρχοντα und ϰατὰ ϑεόν betreffs der Jahrgattungen, der sie ange­hören, geprüft und findet, daß Ungers Ansicht über den Gegenstand in der Mehrzahl der überlieferten Inschriften sich bestätigt (s. weiter unten). Ferner scheint es, daß nicht, wie Unger meinte, der Gebrauch des Sonnenjahres (ϰατὰ ϑεόν) ein nur vorübergehender, beschränkter ge­wesen ist, da es im 1. Jahrh. wieder auftritt; Sund­wall glaubt, daß das Sonnenjahr periodenweise angewendet worden ist (s. unten S. 458). Aus der Unter­suchung der Amtszeit der „dritten Beamten“ ergab sich, daß der 19jährige Zyklus, sei es in Form der Fassung von Meton oder Kallippos, im 2. und 1. Jahrh. v. Chr. nicht mehr in Anwendung sein konnte, also dasselbe Resultat wie aus den Inschriften. — Die Erklärungen darüber, wie man das Jahr ϰατ᾽ ἄρχοντα zu verstehen habe, sind derzeit noch nicht abge­schlossen. Ferguson denkt sich dasselbe als ein in den kalendarischen Grenzen vom bürgerlichen Mondjahre unabhängiges Amtsjahr, läßt jedoch ungewiß, ob und in welcher Weise es zyklisch reguliert worden ist. Dieser Gedanke er­innert an das Amtsjahr Keils (s. oben S. 439 f.), nur daß diese Jahr-


1) The Amphora letters on coins at Athens (Numism. Chron. 1899, S. 286).

2) Unters. üb. d. att. Münzen des neueren Stiles (Öfversigt of Finska Vetens­kaps-Societetens Förhandl. XLIX, Helsingfors, n. 9, 1908).

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form sich als problematisch erwiesen hat, während der Fergusonschen Hypothese gewisse Berechtigung innewohnt.

Was die kalendarische Behandlung von Datierungen ϰατ᾽ ἄρχοντα und ϰατὰ ϑεόν betrifft, so ist dieselbe problematisch; es bleibt vorder­hand nichts übrig, als dabei nach den — wie oben ange­deutet, ein­ander entgegengesetzten — Annahmen von Unger oder von Schmidt vorzugehen. Bei der ersteren wird man als Beginn des Sonnenjahrs (ϰατὰ ϑεόν) das Datum der Sonnenwende (allerdings auch wieder eine Hypothese) voraus­setzen, also für das 2. und 1. Jahrh. etwa den 26. Juni. Als Jahreslänge des Sonnenjahrs muß man 365 Tage an­nehmen (oder 365 14, da möglicher­weise in jener Zeit der letztere Wert schon allgemeiner angewendet worden sein kann); als Monats­längen sind etwa 5 oder 6 Monate zu 30 Tagen, die übrigen zu 31 ansetzen (in jedem 4. Jahre kann man den Zusatztag dem solaren Poseideon oder Skirophorion zuteilen). Die Epoche, von welcher aus das Sonnenjahr zu zählen ist, bleibt ganz zweifelhaft. Zur Ver­gleichung der Datierungen ϰατ᾽ ἄρχοντα dient der zuletzt (§ 216) an­gegebene Zyklus von Unger-Schmidt. Von den zweifellos doppelt datierten Inschriften1 hebe ich vier hervor: 1. Corp. Inscr. Att. II 5 no. 451 b II, Datierung [12] Munychion ϰατ᾽ ἄρχοντα = 12. Thar­gelion ϰατὰ ϑεόν = XI. Pryt. 12. Tag. Der Name des Archonten fehlt, das Jahr kann nur vermutungsweise bestimmt werden. Sundwall nimmt 165 v. Chr. an. Da Thargelion der 11. Monat des Jahres ist, sieht man aus der Datierung 12. Tharg. = XI. Pryt. 12 sofort, daß die Prytaniedatierung mit dem Datum ϰατὰ ϑεόν ganz konform geht, sich also (wir rechnen hier nach Unger) auf das Sonnenjahr bezieht. Vom Sommersolstiz 26. Juni ausgehend, kommen wir mit 30 und 31tägigen Sonnen­monaten für den 12. Tharg. etwa auf 316 Tage d. i. auf den 8. Mai 164. Das Lunisolarjahr (ϰατ᾽ ἄρχ.) beginnt in Ungers Zyklus 1. Hekat. = 165 v. Chr. 6. Juli und ist ein Schaltjahr. Mit Berück­sichtigung eines Poseid. II. haben wir danach bis zum 12. Munychion etwa 306 Tage und gelangen ebenfalls auf den 8. Mai. Das voraus­gesetzte Jahr der Datierung, 165 v. Chr. könnte also möglicher­weise getroffen sein. Die Inschrift gehört aber in das Jahr der folgenden. — 2. Corp. Inscr. Att. III, no. 433 p. 211, Datierung [22 ?] Anthesterion ϰ. ἄρχ. = 24. Elapheb. ϰ. ϑεόν = ? Pryt. 24. Tag. Wenn wir für das Mondjahr ein Schaltjahr annehmen, gelangen wir mit 258 Tagen nach dem 1. Hekat. des Lunisolarjahrs, oder mit


1) Zu diesen gehört auch Corp. Inscr. Att. II 1, no. 437, p. 213; Monat fehlt; 21. ϰατ᾽ ἄρχ. 2[4] ϰατὰ ϑεόν = [2]4 Tag ? Pryt. (circa 150 v. Chr.). Ferner die In­schrift von Tanagra (Athenaion IV, 1875, S. 210): Ἀριστοϰλίδαο ἄρχοντος μεινὸς Θουίω νευμεινίη, ϰατὰ ϑεόν δὲ Ὁμολωίω ἑσϰηδεϰάτη.

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268 Tagen des Sonnenjahrs (nach dem Sommersolstiz) auf den 20. März 164 v. Chr. Dies würde auf Sundwalls Annahme hinweisen, daß die Inschrift dem Jahre 165 v. Chr. angehört. In der Inschrift ist der Name des Archonten Achaios deutlich genannt, aber das Jahr dieses Archonten ist zweifelhaft (166 oder 190 v. Chr.). Überdies ist das Datum 22. Tag des Anthesterion nur ergänzt, nach Kirchner aber wahr­scheinlich der 24. Tag. — 3. Corp. Inscr. Att. II 1, no. 408 p. 197, Datierung aus dem Jahre des Metrophanes, meist auf 133 v. Chr. gesetzt: 29. Elaph. ϰ. ἄρχ. = 12. Munych. ϰ. ϑεόν = X. Pryt.12. Tag (s. oben S. 453). Die Prytaniedatierung geht mit dem Munych., dem 10. Monat des Jahres ϰ. ϑεόν. Das Mondjahr 133 v. Chr. fängt an mit dem 10. oder 11. Juli und ist ein Gemein­jahr; für das Datum des Mondjahrs resultieren 266 Tage nach dem 1. Hekat. für jenes des Sonnenjahrs 285 Tage nach dem Solstiz; das erstere gibt den 3. April, das andere den 7. April 132 v. Chr. Die Doppeldatierung stimmt also nicht ganz mit der Reduktion, der An­fang des Mondjahrs müßte um etwa 4 Tage später angenommen werden. Sundwall glaubt für den Archon Metrophanes ein anderes Jahr, das Jahr 144 v. Chr. (1. Hekat. = 13. Juli) ansetzen zu müssen. Der Fall kann aber auch anders erklärt werden (s. S. 460). — 4. Corp. Inscr. Att. II 1, no. 471 p. 275, Datierung aus dem Jahre des Archon Nikodemos, welcher neuerdings auf 122 v. Chr. gesetzt wird: 8. Boëdr. ἐμβολ. ϰ. ἄρχ. = 9. Boëdr. ϰ. ϑεόν = III. Pryt.9. Tag, und II. Pyaneps. = [IV.] Pryt. 10. Tag. Beide Prytanie­datierungen gehen mit den Angaben ϰ. ϑεόν. Aber das Mondjahr 122 v. Chr. beginnt am 9. Juli d. h. 13 Tage nach der Sonnenwende; die Datum­gleichung 8. Boëdr. ἐμβολ. = 9. Boëdr. weist darauf hin, daß in dem Jahre dieser Gleichung die beider­seitigen Jahranfänge (des Sonnen­jahrs und des Lunisolarjahrs) nahe zusammen­gefallen sind. Sundwall zieht deshalb das nächste Jahr 121 v. Chr. (in welchem Mondjahre der 1. Hekat. = 27. Juni ist) als auf die Gleichung passend vor. Man vergleiche aber damit die zutreffendere Erklärung von Kirchner (s. S. 460). Sundwall glaubt auch, daß von da ab die Reihe der Archonten des 2. Jahrh. um ein Jahr verschoben werden müsse, ein Schluß, der nicht annehmbar ist, da sonst Schwierig­keiten für mehrere gesicherte Gleichungen zwischen Archonten- und römischen Konsulatsjahren entstehen. Außerdem ist fraglich, ob die Grundlagen dieser Überlegungen, nämlich die angenommenen Ausgangsdaten des 1. Hekat. des Mondjahrs und Sonnenjahrs in der vorausgesetzten Weise zutrafen.

Während des Zeitraums, dem die Doppeldatierungen angehören, nämlich im 1. und 2. Jahrh. v. Chr. gibt es auch Dekrete, deren Datum und Prytanieangabe nur auf das Mondjahr hinweist, und solche,

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bei welchen die Prytaniedatierung dem Sonnenjahre folgt, welche also gewissermaßen nur still­schweigend ϰατ᾽ ἄρχοντα datiert sind. In An­betracht der Schwierigkeiten, denen der ganze Gegenstand derzeit noch unterliegt, möchte ich darauf verzichten, alle die Jahre hier anzugeben, für welche solche stillschweigende Datierungen ϰατ᾽ ἄρχοντα vermutet worden sind. Mitten unter diesen Jahren kommen aber ver­schiedene vor, die wiederum auf bloße Lunisolarjahre, mit danach gehenden Prytanie­gleichungen, zu beziehen sind. Dieses Vorkommen von Da­tierungen ϰατ᾽ ἄρχοντα im 2. Jahrh. v. Chr. neben Datierun­gen ϰατὰ ϑεόν hat Sundwall zu der Vermutung gebracht, daß man in Athen das Sonnenjahr vielleicht nur zeitweise angewendet hat, weil die An­nahme dieser Jahrform auf Schwierigkeiten stieß. Aber das Ein­dringen des Sonnenjahrs in die Zeitrechnung ist gewiß allmählich und ohne Hindernisse erfolgt. Der Weg war durch die fortwährend not­wendig gewesenen Verbesse­rungen des Lunisolarjahrs in den letzten paar Jahrhunderten für das Auf­kommen des Sonnenjahrs geöffnet und die Anwendbarkeit des letzteren durch die Parapegmen der Astronomen dargetan. Das Sonnenjahr wurde also wahrscheinlich schon in dieser Zeit in der Praxis benützt. Aber konsequent ist man noch nicht damit verfahren; aus diesem Schwanken mag sich erklären, daß man in den Dekreten ausdrückliche Zusätze bald für notwendig hielt, bald fallen ließ, wobei wahrschein­lich der Archon maßgebend war, insofern er noch an der alten Datierungsform festhielt oder schon die neue bevorzugte. —

Entgegengesetzt der Auffassung Ungers ist, wie oben bemerkt, die von Schmidt, welche die Datierung ϰατὰ ϑεόν als zum Sonnen­jahr gehörig, die Datierung ϰατὰ ϑεόν als die lunisolare betrachtet. Die Reduktion der ϰατὰ ϑεόν-Datierung geschieht nach Schmidt auf Grund des von ihm an die Rekon­struktion des Metonschen Para­pegmas angeschlossenen Sonnenjahrkalenders. Diese Rekon­struktion habe ich schon (am Schluß des § 213) als ganz hypothetisch bezeichnen müssen. Die Hauptstütze bildet dabei eine Nachricht aus der Schrift περὶ μηνῶν des dem 15. Jahrh. n. Chr. angehörigen Theodoros Gaza. Dieser spricht von einem gleichzeitigen Gebrauche eines 360tägigen Sonnenjahrs mit 5 Epagomenen und eines 354tägigen Mondjahrs mit Schaltmonat. Aus der von Gaza mißverstandenen Auffassung1, wie der Überschuß von  519 Tagen des Metonschen Sonnenjahrs einzu­bringen sei, schließt Schmidt, daß dies im 4., 8., 12., 16. und 19. Jahre geschehen wäre: diese Jahre haben 366 Tage, die andern 365. In


1) Über die Unzulässigkeit Gazas für die Rekonstruktion hat sich namentlich Unger ausführlich ausgesprochen (Berliner Philol. Wochenschrift 1888, col. 1218—1222).

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dem hierauf gegründeten Systeme verkürzt sich der Mondzyklus nach 16maligem Ablaufe allmählich um 5 Tage, so zwar, daß

im 1.Zykl. Ol. 87, 1im 1.Jahreder 1.solareHek. = 1.lun.Hek.
5. 106, 1 1. 1. = 2.
8. 120, 2 1. 1. = 3.
11. 134, 3 1. 1. = 4.
14. 148, 4 1. 1. = 5.
17. 163, 1 1. 1. = 6.
21. 182, 1 1. 1. = 7.

Mit Hilfe der Schaltung 4., 8., 12., 16., 19. im Solarkreise und 2., 5., 8., 11., 14., 16., 18. im Mondzyklus wird man die jeweilige Lage des 1. Hekat. beider Systeme gegen einander ermitteln können. Für die ersten 10 Jahre des 11. Zyklus z. B. resultiert folgendes spezielles System:

1.JahrOl. 134, 3 =242v. Chr. 1.solarerHek. 4.lun.Hek.
2.4 =241 1. 14.
3.135, 1 =240 7. 1.
4.2 =239 1. 6.
5.3 =238 1. 17.
6.4 =237 3. 1.
7.136, 1 =236 1. 9.
8.2 =235 1. 20.
9.3 =234 1. 2.
10.4 =233 1. 13.

Mit Berücksichtigung der sonst für den Lunisolarkalender von Schmidt beobachteten Grundsätze kann man mittelst dieser Ausgangs­punkte die entsprechenden Gleichungen für jeden Tag herstellen. Ich gehe nicht weiter darauf ein, da das ganze System durchaus hypo­thetisch ist und gegen die Inschriften nicht Stand hält. Für die oben erwähnten Doppeldatierungen no. 408, 433 und 471 ergeben sich betreffs der Archonten aus dem System ganz unmögliche Jahre; ebenso führen Schmidts Versuche, aus den still­schweigend ϰατ᾽ ἄρχοντα datierten Dekreten die zugehörigen Jahre der Archonten zu ermitteln, auf Jahre, welche mit kaum mehr als 4 Ausnahmen für das 3. Jahrh. (Gorgias, Demokles, Anaxikrates, Polyeuktos) vollständig abweichende Re­sultate gegen die neueren Archontenbestimmungen ergeben.

In neuester Zeit hat J. Kirchner die Bedeutung der Doppel­datierungen an einigen Beispielen aufzuklären versucht1. Danach


1) Die Doppeldatierungen in den attischen Dekreten (Sitzungsber. d. Berliner Ak. d. Wiss. XLIX, 1910, S. 982—988).

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beziehen sich die Ausdrücke ϰατὰ ϑεόν und ϰατ᾽ ἄρχοντα auf die Unter­scheidung zwischen normalen Gemeinjahren und solchen, in denen aus irgend einem Grunde ein Monat, oder eine Anzahl Tage, oder auch nur ein Tag eingeschaltet worden ist. Die Zählung ϰατὰ ϑεόν be­deutet die normale Zählung der Monatstage, jene ϰατ᾽ ἄρχοντα die außergewöhnliche, gestörte. Letztere konnte durch politische Ur­sachen oder chronologische Ausgleichung notwendig werden. Die fünf bisher bekannten Fälle (bis zum 2. Jahrh. v. Chr.), wo die Inschriften auf die eine oder die andere Weise, oder nach beiden datieren, be­treffen die Jahre 226 v. Chr. (Corp. Inscr. Att. II 1 no. 381, Archon Ergochares), 190 v. Chr. (ibid. II 1 no. 433 und II 5 no. 451b; Archon Achaios gehört wahrscheinlich diesem Jahre an), 133 v. Chr. (ibid. II 1 no. 408, Archon Metrophanes), 122 v. Chr. (ibid. II 1 no. 471, Archon Nikodemos) und ein etwa in die Mitte des 2. Jahrh. fallendes Jahr (ibid. II 1 no. 437, Archon ?) Der erstgenannten überlieferten Da­tierung1 kann man, wie Kirchner zeigt, genügen, wenn 19. Metag. II ϰατ᾽ ἄρχοντα d. h. das Jahr als durch Einschiebung eines zweiten Monats Metageit­nion gestört angesehen wird. Im zweiten Falle, dem Jahre des Achaios, wird durch die Inschrift II 1 no. 433 ein zweiter Anthesterion ϰατ᾽ ἄρχοντα eingeschaltet und dem 24. Elaphebolion ϰατὰ ϑεόν gleichgesetzt, und in 115 no. 451b der 12. Munychion (ohne Beifügung) mit dem 12. Thargelion ϰατὰ ϑεόν geglichen2; der Tag der Prytanie entspricht nur der Zählung ϰατὰ ϑεόν. Im Jahre des Metrophanes sind wahrscheinlich vom 1. bis zum 10. Monat 13 Tage eingeschaltet worden3, im Jahre des Nikodemos 1 Tag4, und in dem Jahre der (sehr defekten) Inschrift II 1 no. 437 vielleicht 3 Tage5.


1) II 1 no. 381 : 19. Tag des II. (δευτέρᾳ ἐμβολίμῳ) Metageitnion = III. Pryt. 20. Tag = 19. Boëdromion.

2) II 1 no. 433 : 24. Anthesterion II (ϰατ᾽ ἄρχ.) = 24. Elapheb. (ϰ. ϑεόν) = IX. Pryt. 24. Tag (der Tag ist nur ergänzt). 115 no. 451b: 12. Munychion = 12. Thargel. (ϰ. ϑεόν) = XI. Pryt. 12. Tag.

3) II 1 no. 408: 29. Elapheb. (ϰ. ἄρχ.) = 12. Munych. (ϰ. ϑεόν) = X. Pryt. 12. Tag. Zwischen beiden Daten liegen 13 Tage; die Prytaniezählung stimmt nur mit ϰατὰ ϑεόν (6 Pryt. zu 30, 6 zu 29 Tagen gibt 12. Munych. = X. Pryt. 12. Tag).

4) II 1 no. 471 Z. 1 : 8. (ἐμβολ.) Boëdrom. (ϰ. ἄρχ.) = 9. Boëdrom. (ϰ. ϑεόν) = III. Pryt. 9. Tag. Das ἐμβολ. bezieht sich nur auf den Tag, nicht auf einen Monat. In demselben Dekrete Z. 50: 11. Pyaneps. IV. Pryt. (ergänzt) 10. Tag.

5) II 1 no. 437: 21. Tag ϰ. ἄρχ. (Monat fehlt) = 24. Tag (ergänzt) ϰ. ϑεόν = ? Pryt. 24. Tag (ergänzt).

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