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[370 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

§ 205. Die Vorläufer der Oktaëteris.

Die drei Gewährsmänner, die ich im vorigen Paragraph an­geführt habe, sind die einzigen Quellen, welche eine direkte Belehrung über das älteste Schaltsystem der Griechen darbieten. Leider lassen uns diese Nachrichten ebenso unbefriedigt, wie es betreffs der Über­lieferung bei den ältesten Schaltzyklen der Römer der Fall ist. Geminos (s. oben) beschränkt sich auf den Satz „Was zunächst die Alten betrifft, so hatten dieselben Monate zu 30 Tagen und setzten die Schaltmonate ein Jahr ums andere zu (οἱ μὲν οὖν ἀρχαῖοι τοὺς μῆνας τριαϰονϑημέρους ἦγον, τοὺς δὲ ἐμβολίμους παρ᾽ ἐνιαυτόν)“; dann geht er sogleich dazu über, zu zeigen, daß die „erste“ Periode, welche die Alten aufgestellt hätten, eine achtjährige gewesen sei (Oktaëteris). Danach müßten also Jahre von der Form 360 und 390 Tage ab­wechselnd einander gefolgt sein; die Schaltperiode wäre eine zwei­jährige (Diëteris, von manchen Triëteris genannt) gewesen. Da das Sonnenjahr 365,2422 Tage, das Mondjahr 354,3671 Tage hat, so hätte dieser Zyklus sowohl in Beziehung auf die Sonne wie auf den Mond nicht die entfernteste Annäherung ergeben. Die Äußerung des Geminos muß daher in einem anderen Sinne zu verstehen sein. Daß die Rechnung des Monats zu 30 Tagen bei den Griechen nur eine populäre, auf dem Sprachgebrauch beruhende war, habe ich wieder­holt betont. Aber Geminos selbst bedient sich dieses Sprachgebrauchs in seiner Abhandlung, obgleich diese doch hauptsächlich kalendariogra­phische Gegenstände beschreibt, indem er z. B. sagt (s. oben S. 367. 368) „es sind 90 Tage oder 3 Monate“ und weiterhin „30 Tage oder ein Monat“. Man kann deshalb annehmen, daß auch die oben bemerkte Äußerung des Geminos, welche übrigens des ältesten Schaltzyklus,

[§ 205. Die Vorläufer der Oktaëteris. 371]

wie man aus der darauf folgenden Verbindung ersieht, nur nebenher gedenkt, dem allgemeinen Sprachgebrauche folgt. Was die Rede­wendung „ein Jahr ums andere“ betrifft, so haben Schmidt und Mommsen darauf aufmerksam gemacht, daß diese Ausdrucksweise (die Römer gebrauchen im selben Sinne tertio quoque anno) ebenfalls auf den Sprachgebrauch zurückgeht. Mehrere der alten Feste wurden nämlich eben­falls „ein Jahr ums andere“, d. h. diëterisch gefeiert, so die korinthischen Isthmien, die sehr weit verbreitete Dionysosfeier. Hierdurch wurde man wahrscheinlich gewöhnt, nicht nur heortologische Perioden, sondern auch zeitrechnerische Intervalle als diëterisch zu bezeichnen; solcher Sprachgebrauch erhielt sich noch, als die Schalt­regeln längst andere geworden waren. — Eine ähnliche Bewandtnis darf man für die Herodot-Stelle annehmen, über welche soviel ge­schrieben worden ist. Dort werden 70 Jahre zu je 360 Tagen1 ge­rechnet, und 35 Schaltmonate zu 30 Tagen, also jedes zweite Jahr einer, eingeschaltet (Diëteris). Das Monstrum, das sich hieraus er­geben würde, kann nicht existiert haben. Auch hier handelt es sich nur um Anwendungen des Sprach­gebrauchs. Zudem kann man der Stelle, wie Schmidt hervorhebt, schwerlich eine zeitrech­nerische Bedeutung zumessen, da das in die Rede des Solon eingelegte Beispiel von den 20 250 Tagen nur den Zweck verfolgt, dem Krösos anschau­lich zu machen, daß man keinen Menschen vor seinem Tode glücklich preisen soll, da an jedem Tage ihm ein Leid widerfahren könne. Es ist sonderbar, daß man aus dieser einfachen Erzählung hat soviel heraus­holen wollen. Ebensowenig Bedeutung für die Erkenntnis des ältesten Schaltungswesens der Griechen hat eine andere Stelle bei Herodot (II 4), welche schon im I. Bande im Kapitel „Zeitrechnung der Ägypter“ angeführt worden ist. Es heißt dort: „Sie (die Ägypter) verfahren einsichtsvoller als die Griechen, welche ein Jahr ums andere der Jahreszeiten wegen einen Monat einschalten“. Aber die Griechen würden in keinem Falle, ob sie nun das Jahr zu 360 Tagen oder zu 354 Tagen gerechnet hätten, bei bloß diëterischer Einschaltung zu der­selben Jahreszeit zurück­gekommen sein. — Wollte man die bei Geminos und Herodot angezeigte Diëteris so verstehen, daß es sich dabei nicht um 360- und 390tägige Monate, sondern um 354- und 384 tägige Mondmonate handelt, so würde eine so beschaffene Diëteris nach 2 Jahren um mehr als 7 Tage von der Sonne abgewichen sein, und nach 20 Jahren wäre die Zeitrechnung um 2 12 Monate gegen die Rückkehr der Jahreszeiten verschieden gewesen. Da also


1) In Kleinasien scheint der Sprachgebrauch, den Monat (wo es nicht auf kalendarische Richtigkeit ankam) zu 30 Tagen zu rechnen, allgemein üblich gewesen zu sein.

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diese Diëteris nicht genügt, hat Ideler, um sie nicht ganz und gar abweisen zu müssen, die Möglich­keit hingestellt, daß man vielleicht von Zeit zu Zeit einen Schaltmonat weggelassen habe, um in einiger Übereinstimmung mit dem Himmel zu bleiben. Diesen Gedanken greift A. Schmidt auf, um eine „rektifizierte Diëteris“ zu schalten, welche sehr lange, bis zu Solons Zeit, in Makedonien bis zu Ale­xander d. Gr., bestanden haben soll. Wenn nämlich jede Diëteride 354 + 384 = 738 Tage hatte, so stimmten nach 4 Diëteriden oder 8 Jahren (2952 Tagen) Mond und Sonne bis auf die Differenz von gerade einem Monat (30 Tage) überein. Man habe demnach nur jede vierte Dieteride um einen Monat zu kürzen oder wenigstens durchschnitt­lich inner­halb von 8 Jahren einen Schaltmonat wegzulassen brauchen, um mit den Jahreszeiten Übereinstimmung zu erhalten. Diese Ent­wicklungshypothese der griechischen Zeitrechnung scheint mir nicht wahrscheinlich, aus Gründen, auf die ich (im nächsten Paragraph) noch zurückkomme.

Was noch Censorin anbelangt, so gedenkt derselbe im ersten Teile der oben ange­führten Stelle der Diëteris: man habe im bürger­lichen Jahre, um zum annus vertens (Sonnenjahr, den Jahreszeiten) zurückkehren zu können, tertio quoque anno (ein Jahr ums andere) 12 Monate und 13 Monate gezählt. Im zweiten Teile der Stelle er­zählt Censorin, es sei, nachdem der Irrtum (der Diëteris) erkannt war, durch Verdoppelung eine 4jährige Periode (τετραετηρίς) auf­gestellt worden. Dieser Tetraëteris habe ein Jahr von 365 14 Tagen zugrunde gelegen und sie habe mit dem Sonnenlaufe befriedigend, mit dem Monde aber weniger befriedigend gestimmt, und durch Ver­doppelung sei daraus die Oktaëteris gebildet worden. Ins chrono­logisch-technische übersetzt würde das heißen, die Griechen hätten in der Zeit, um die es sich hier handelt, im 8. oder 9. Jahrh., auf den ersten Stufen der Entwicklung ihrer Zeitrechnung, bereits die julianische Schaltung gekannt. Denn da man die Oktaëteris minde­stens in die Zeit Solons setzt — wahrscheinlich ist sie aber viel älter —, so müssen ihre angeblichen Vorläufer, die Diëteris und die Tetraetëris, um mehrere Jahrhunderte weiter zurück­reichen. Eine solche Kenntnis des Sonnenlaufs ist bei den Griechen jener Zeit un­möglich; hätten sie diese Kenntnis oder selbst nur die des näherungs­weisen Wertes des Sonnenjahrs gehabt, so würde, wie schon Ideler richtig bemerkt hat, die Zeitrechnung der Griechen nicht den müh­seligen, langsamen Gang der Entwicklung des Lunisolarjahrs ein­geschlagen haben, den wir tatsächlich von Solon bis in die Zeit Hipparchs sich vollziehen sehen. Sowohl die Diëteris wie die Tetraëteris sind, da die erstere für den Mond zu ungenügend ist und die andere das genaue Sonnenjahr voraussetzt, von Ideler und Böckh

[§ 206. Die Oktaëteris. 373]

abgelehnt worden1. Der Angabe Censorins liegt jedenfalls ein Miß­verständnis zugrunde. Da er die Tetraetëris auf Elis und Olympia bezieht, ist wahrscheinlich gemeint, daß schon die „Alten“ sich be­müht hätten, diese Spiele vierjährig, und zwar zu derselben Jahres­zeit zu feiern. Censorin, der sich nicht vorstellen konnte, auf welche andere Weise etwa die Alten die Jahreszeiten ermittelten, imputierte ihnen die Kenntnis des Sonnenjahrs, wie sie ihm selbst zu Gebote stand, d. h. die zu seiner Zeit schon seit 283 Jahren eingeführte julianische Periode. — A. Schmidt hat die Tetraetëris Censorins zu retten versucht. Sie soll keine solare, sondern eine lunisolare gewesen sein, die Tetraetëriden sollen in der Form von 50 Monaten (1476 Tagen) und 49 Monaten (1446 Tagen) abge­wechselt haben. Warum hätte man sich aber mit solchen Zyklen plagen sollen, da man von den einfachsten Anfängen an direkt zur Oktaëteris gelangen konnte (s. nächsten Paragraph)? Die Länge von 4 festen Sonnenjahren = 1461 Tagen, d. h. also den überschießenden  14 Tag über 365 Tage, hätten die Griechen von den Ägyptern kennen gelernt (denselben Fehler macht Aug. Mommsen) — ein gewöhn­liches Rettungsmittel, dessen unbegründete Verwendung wir schon im Kapitel über die römische Chronologie vorgefunden haben. Tatsächlich wissen wir aber über den Zustand des ägyptischen Jahres im 8. oder 9. Jahrh. so viel wie nichts, und alle Spekulationen hierüber sind nichts weiter als Vermutung; kalendarisch kam der Vierteltag (365 14 Tage) bei den Ägyptern erst im 3. Jahrh. v. Chr. zur Verwen­dung (s. I 196), Am schwächsten sind die Kalendersagen, welche Schmidt als alte Nachweise der Tetraetëris zitiert; es handelt sich dort um allerlei Deutungen, nach welchen in Sagen (Danaïdensage, Endymionsage) die Zahlen 50 und 49 personifiziert sein sollen; die Deutungen sind oft weit hergeholt.


1) Ideler II 607: „Bei dieser Grelegenheit spreche ich meine Überzeugung dahin aus, daß nicht, wie Geminos und Censorin glauben, die Triëteris auf die Oktaëteris, sondern die letzte auf die erste geleitet hat. Die Oktaëteris war der eigentliche Ausgleichungszyklus, den man, um zum Behuf der Feier gewisser Feste und Spiele kürzere Zeiträume zu gewinnen, in 4jährige und 2jährige Abschnitte teilte, ohne jedoch von denselben für die bürgerliche Zeitrechnung Gebrauch zu machen, denn bei der Tetraetëris findet gar keine, bei der Triëteris (Diëteris) nur eine höchst unvollkommene Ausgleichung statt.“

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