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[130 IX. Kapitel. Zeitrechnung der Naturvölker.]

§ 162. Australien.

Anschließend an die Bemerkungen über die Zeitrechnung auf den melanesischen Inseln (I 431), speziell Motu (Banksinseln), sollen hier noch einige Ergänzungen über das Jahr auf den Fidschi- und Salomons­inseln Platz finden. Auf Fidschi sind nach Hale zwei Halbjahre zu unterscheiden, deren Monate mehrfach untereinander gekoppelt sind, z. B. der kleine Blütemonat des Rohrs — der große Blütemonat; der Monat der wenigen — der Monat der vielen Fische; der Monat der wenigen — der Monat der vielen Palolo- Würmer; die Namen der Monate Juni, Juli, August beziehen sich auf den Anbau der Yams­wurzel. Ähnlich beschreiben Williams und Calvert das Jahr der Fidschi-Insulaner; nach ihnen werden die Monate auch nach dem meteorologischen Charakter zusammengefaßt: „Mond der Nässe“ = Febr.—April, „kühler Mond“ = Juni—Juli, „Mond des Anpflanzens“ = Mai—September. — Die Bewohner der Shortland-Inseln sowie des Neu-Georgien-Archipels (beides Teile der Salomonsinseln) vermögen nach Ribbe die Wiederkehr des Jahres nur ungefähr nach der Bomboro-Zeit, d. i. der Zeit der Reife der Kanariennüsse zu schätzen. Die sonstige Teilung des Jahres wird nach der Zahl der erschienenen neuen Monde ungefähr vorgenommen, ist aber ganz unentwickelt; das

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Erscheinen der Mondsichel wird freudig begrüßt. Größere Zeiträume werden durch die Erinnerung an verheerende Stürme, Erdbeben u. dgl. angegeben; Tageseinteilung, Jahresabschnitte usw. sind unbekannt.

Obwohl der Wechsel der Monsune auf den Salomonsinseln nicht scharf ausgeprägt ist, rechnen die Bewohner der benachbarten Inseln den Jahresanfang nach diesen Winden. So die Einwohner von Nitendi (St. Cruz) und Neu-Guinea, wo das Jahr (nach Dillon) auf der ersteren Insel mit dem Eintritte des Ostmonsuns, auf Neu-Guinea mit dem Westmonsun begonnen wird, oder vielmehr Anfang Oktober, in welcher Zeit auch die Trepang- und Schildkröten-Fischerei anfängt. Jedes Halbjahr (die Bezeichnungen dafür sind auf beiden Inseln einander ähnlich) zerfällt in 6 Monate, entsprechend den Monsunen, die Zeit des Umsetzens des Windes ist die „große Ebbe“. — Auf den Marianen, Karolinen und Marshallinseln rechnete man nach den Berichten der älteren Seefahrer (Lutké, Freycinet, Le Gobien, Chamisso) die Jahre nach dem Aufgange gewisser Sternbilder (besonders die Karoliner und Marshall­insulaner sollen früher tüchtige Schiffer gewesen sein) und teilte das Jahr nach dem Monde (auf den Marianen sollen auf einigen Inseln 12, auf anderen 13 Monate gerechnet worden sein). Die Tage wurden nach Nächten gezählt, indem man für Jede Nacht in eine Schnur einen Knoten machte (Le Gobien), auf den Palaosinseln (westliche Karolinen) zählte man allgemein nach solchen Knotenschnüren (Keate). Die Karoliner benannten die Tage auch mit Namen und kannten eine ungefähre Einteilung des Tages in Unter­abteilungen. — Auf Tahiti (Gesellschaftsinseln) scheint das Jahr ehemals (nach Forster und Ellis) ziemlich ausgebildet gewesen zu sein. Man hätte dort 13 Monate gehabt, jeder mit dem Neumonde anfangend (malama-matte); der letzte ist vielleicht öfter vernachlässigt worden, um die ungefähre Überein­stimmung mit den Jahreszeiten zu wahren. Sowohl die Monate als auch die Monatstage hatten eigene Namen; der Tag wurde in 6 Teile, die Nacht in ebenfalls 6 Teile (also System der Doppelstunden!) geteilt1. Der Jahresbeginn war nach Forster der März, nach Ellis der Dezember oder Mai (Viertel­jahrsrechnung?) — Für die Bewohner der Samoainseln (Upolu und Sawaii) bildete von altersher das Erscheinen des Palolowurms (das auch auf Fidschi und einigen melanesischen Inseln zur Charakteri­sierung bestimmter Jahresabschnitte gebraucht wird) den Beginn eines neuen Jahres. Dieses das Meer bewohnende Tier2 erscheint regelmäßig (auf Upolu) mit Eintritt des letzten Mondviertels bei


1) Namen der Monate, Monatstage und Tagesteile bei Forster, S. 439. 440.

2) Über den Palolowurm s. bes. Krämer, Bd. II. S. 399—404.

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Beginn des Sommers (Okt./Nov.) oder bei Beginn des Herbstes (auf Sawaii). Die 12 Monate sind nach Turner und Bülow folgende:

  1. palolo (Okt./Nov.) Ende des Fischens; gewöhnlicher Name taumafa mua = zum erstenmal Überfluß an allem.
  2. tutaumafa (Nov./Dez.) = es ist noch Überfluß (die Ernte ist noch nicht beendigt).
  3. utuvamua (Dez./Jan.) = es ist ununterbrochen (neuer Ertrag ist nicht hinzugekommen).
  4. tu utuva (Jan./Febr.) = noch immer ununterbrochen.
  5. fa'afu (Febr./März) =- das Kraut des Yams wird trocken (die Wurzel ist reif).
  6. lo (März/April) = der Stab zum Ernten der Brotfrucht (wird in Tätigkeit gesetzt).
  7. aununu (April/Mai) = Bearbeitung der Pfeilwurzel zu Stärke.
  8. oloamanu (Mai/Juni) = der Käfig der Vögel (Einfangen der wilden Tauben).
  9. palolomua (Juni/Juli) = erstes Palolofischen.
  10. tupalolo (palolo moli) (Juli/Aug.) = letztes Palolofischen.
  11. mulifa (Aug./Sept.) = der Bananenstengel (Bananenernte).
  12. lotuaga (Sept./Okt.) = der lo wird in Ruhe gestellt (die Brotfruchternte ist zu Ende).

Die Monatsnamen sind unter den Eingeborenen nur mehr wenig be­kannt; früher besaßen sie die Kenntnis verschiedener Sternbilder, wußten den Anfang ihres Jahres zu bestimmen und waren gewandte Schiffer. Die Samoaner rechnen nach 2 Halbjahren (tau), jedes zer­fällt in 6 masina (Monde). Nach Krämer scheint, wie vielfach in Polynesien, nach Nächten gezählt zu werden; die Nächte um und nach dem Vollmond (masina ‘atoa) haben nämlich besondere Namen, die Nächte zur Neumondszeit werden nicht alle benannt. — Das Jahr der Neuseeländer beschreiben die früheren Reisenden nicht überein­stimmend. Thomson gibt diesem Jahre 18 Monate, Dieffenbach eben­falls, indem er den 10. Monat zweimal zählt; Taylor kennt nur 12 Monate: es sind Mondmonate zu 28 oder 29 Nächten und führen Namen, die auf die Phase und den Stand des Mondes bezug haben. Da er auch angibt, daß man sich beim Anfangen des Jahres nach dem Sichtbarwerden einzelner Sternbilder richtete und bei den Monaten auch auf das Blühen der Kulturpflanzen, Reifen der Früchte usw. acht gab, um mit den Jahreszeiten in einiger Übereinstimmung zu bleiben, so scheint der 13. Monat des neuseeländischen Mondjahrs wahrscheinlich ein empirisch gehand­habter Schaltmonat gewesen zu sein. Die Ausführungen von Schirren über ein 10monatliches Jahr

[§ 163. Afrika. 133]

der Maori beruhen, wie hier noch bemerkt werden soll, nur auf gewissen Spekulationen über die Zahlen 10 und 7, denen Schirren aus dem Mauimythus eine besondere Bedeutung abzugewinnen gesucht hat. Nach Taylor wurde der Monat in 8 Dekaden geteilt; man unterschied 4 Jahreszeiten, der Stern matariki zeigte den Winter, der Stern rehua den Sommer an. Das Jahr begann im Mai oder im Juni.

Auffällig ist in Polynesien die Zählung der Tage nach Nächten. Bei den Neuseeländern war diese Zählung, wie eben bemerkt, üblich: sie hatten für die Nächte des Monats eigene Namen; ferner haben wir dieselbe Zählung nach Nächten (s. oben S. 131 f.) auf Samoa, den Karo­linen, Marianen, Palaos angetroffen. Sie scheint aber auch ehedem auf Fidschi und Tahiti gegolten zu haben (Ellis) und war auch auf Neu-Guinea und den östlichen Sundainseln (Celebes, Java) zum Teil üblich, sicher auch auf Java. Dieser Gebrauch weist deutlich auf die allgemeine Anwendung des Mondjahrs in Südostasien und Australien hin. Diese Zählung nach Nächten werden wir, wie vorbemerkt werden soll, so ziemlich bei allen Naturvölkern Nordamerikas wieder­finden.

Die Zeitrechnung der Eingeborenen des australischen Kontinents ist meist eine primitive. Die Stämme in Südaustralien schätzen den Umfang des Jahres nach dem Wechsel der trockenen und nassen Jahreszeit, die kleineren Zeiträume nach der Zahl der verfließenden Mondviertel, die Tageszeit nach dem Stande der Sonne. Weder diese, noch die Stämme in Zentral-Australien, noch die an der Westküste des Golfs von Carpentaria haben Namen für Monate; die letzteren beiden rechnen das Jahr nach der nassen und trockenen Jahreszeit, nach dem Erscheinen von Früchten u. dgl. Über die Leute am Port Darwin und von Carpentaria wird gemeldet, daß sie nach Nächten (Schlafen) und nach Mondphasen zählen.

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