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[§ 198. Attische und nichtattische Monatsnamen. 333]

§ 198. Attische und nichtattische Monatsnamen.

Die Namen für die Monate zeigen in Griechenland und dessen Kolonien große Verschiedenheit, was sowohl auf die verschiedene politische Entwicklung der einzelnen Staaten und Städte wie nament­lich auf den sich sehr verschieden ausbildenden Kultus zurückgeht. Der überall in anderer Form auftretende Götterdienst bedingte andere Feste, nach deren vornehmsten vielfach auch die Monate benannt wurden, in welche die Feste fielen. Was zuerst die Monatsnamen der Athener betrifft, so ist fraglich, ob die weiter unten angeführten bekannten Namen von besonders hohem Alter sind. Es ist nämlich auffallend, daß bei Hesiod eigene Namen der Monate nicht vorkommen [außer dem Lenaion v. 504]2. Was von Böotien etwa galt, gilt auch voraussichtlich für Attikas alte Zeit. Aug. Mommsen glaubt deshalb der alten Zeit die benannten Monatsnamen ganz absprechen zu sollen und vermutet, daß die Athener ehemals Zahlenmonate gehabt haben. Diese Meinung wird unterstützt durch die Tatsache, daß mehrere griechische Stämme ihre Monate nach den Ordnungszahlen genannt haben, wie die Phokier, Lokrer, Arkadier und Messenier3; auch die


2) Die Echtheit der Verse 503—560 wird aber bezweifelt.

3) Bei den Arkadiern kommen vor: τρίτος, πέμπτος, ὄγδοος, δωδέϰατος, bei den Messeniern ἔϰτος, ἑνδέϰατος. Auch die Achäer zählten ihre Monate. Mit Unrecht will K. F. Hermann (Üb. griech. Monatskunde, 1844, S. 17) die Zahlenmonate für jünger halten als die mit Eigennamen benannten Monate.

[334 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

Vergleichung der Monatsnamen einer Reihe anderer Völker, mit deren Zeitrechnung wir uns bisher im I. und II. Bande beschäftigten, zeigt öfters den Gebrauch von nach Ordnungszahlen gezählten Monaten, und zwar ist dieser Gebrauch meistenteils der ursprüngliche, ältere, die Benennung mit Eigennamen der spätere. — In der folgenden Monatsreihe der Athener sind neben die Hauptnamen die in den In­schriften, bei den Schriftstellern usw. vorkommenden hauptsächlichsten Varianten gesetzt. Der in Klammern beigefügte julianische Monat ist selbstverständlich nur ungefähr zu nehmen und weist auf die Jahreszeit hin, in der die Monate etwa liegen:

  1. Hekatombaion, Ἑϰατομβαιών (Juli).
  2. Metageitnion, Μεταγειτνιών (August); Μεταγιτνιών, Μεταγειτονιών.
  3. Boedromion, Βοηδρομιών (September).
  4. Pyanepsion, Πυανεψιών (Oktober); Πυανοψιών.
  5. Maimakterion, Μαιμαϰτηριών (November).
  6. Poseideon, Ποσειδεών (Dezember); Ποσειδηϊών, Ποσιδεών.
    Im Schaltjahr sind zwei Poseideon, bisweilen durch α´, β´ voneinander unterschieden; oder der Poseideon II heißt ὕστερος oder δεύτερος. Die späten Athener haben den Poseideon II zu Ehren des Kaisers Hadrian um­benannt in Ἁδριανιών.
  7. Gamelion, Γαμηλιών (Januar).
  8. Anthesterion, Ἀνϑεστηριών (Februar).
  9. Elaphebolion, Ἐλαφηβολιών (März).
  10. Munychion, Μουνυχιών (April); Μουνιχιών1
  11. Thargelion, Θαργηλιών (Mai).
  12. Skirophorion, Σϰιροφοριών (Juni).

Die hier angesetzte Folge der Monate ist die jetzt anerkannte. Petavius setzte den Maimakterion voraus, vor den Pyanepsion, Scaliger aber hat schon die obige Folge. Die Inschriften haben dem letzteren im Laufe der Zeit recht gegeben. Betreffs der früher ge­führten Kontroverse, die für uns gegenstandslos ist, verweise ich den Leser auf Ideler, Handb. I, S. 275—279. — Die Monatsnamen sind entweder aus Beziehungen zu den betreffenden Jahreszeiten bzw. zu gewissen Bräuchen, die in bestimmten Monaten ausgeübt wurden, oder aus Festen u. dgl. entstanden. Der Name Gamelion deutet auf den Winter, er ist der Heiratsmonat; der Anthesterion weist auf das Wachsen der Pflanzen hin, der Thargelion auf die Reife des Korns (Thargelien, die Erstlinge des Korns) usw.


1) Zur Zeit des Diadochen Demetrios wurde der Versuch gemacht, den Namen Munychion umzutaufen in Demetrion (s. Plutarch, Demetr. 12).

[§ 198. Attische und nichtattische Monatsnamen. 335]

Die Monatsnamen der nichtattischen Kalender sind, dank des ungeheuer vermehr­ten Inschriften­materials, erheblich besser be­kannt als früher. Während K. F. Hermann (1844) nur 116 nicht­attische Monatsnamen aufzählen konnte, sind gegenwärtig deren min­destens 241 bekannt. Indem ich betreffs der Sammlungen und der Identifizierung besonders auf die Arbeiten von E. F. Bischoff ver­weise, gebe ich zuerst eine Liste von Monatsnamen derjenigen Kalender, bei welchen sowohl die Aufeinander­folge der Monate als auch die Parallelisierung mit den entsprechenden attischen Monaten jetzt sicher steht. Ein beigefügtes (*) zeigt an, welcher Monat den Schalt­monat mit sich führt, d. h. den Monat (wie den Poseideon bei den Athenern) verdoppelt:


IonischeDorischeÄolische u. mittelgriechische

AthenDelosEpidaurosBöotienDelphiÄtolien
1.Hekatomb.Hekatomb.Azosios (1)Hippodrom.Apellaios (1)Thyios
2.Metageitn.Metageitn.KarneiosPanamosBukatiosPanamos
3.Boedrom.BuphonionPraratiosPamboiotiosBoathoosProkyklios (1)
4.Pyaneps.ApaturionHermaiosDamatriosHeraiosAthanaios
5.Maimakt.AresionGamosAlalkom. (*)DadaphoriosBukatios
6.Poseid.PosideonTeleosBukatios (1)Poitropios (*)Dios
7.Gamel.Lenaion (1)PosidaiosHermaiosAmaliosEuthyaios
8.Anthest.HierosArtamitiosProstateriosBysiosHomoloios
9.Elapheb.GalaxionAgrianiosAgrioniosTheoxeniosHermaios
10.Munych.ArtemisionPanamosThiuiosEndyspoitr.Dionysios
11.Thargel.TargelionKykliosHomoloiosHerakleiosAgynios
12.Skiroph.PanemosApellaiosTheilutiosIlaiosHippodromios

Von den Monatsnamen aus Amphissa sind bekannt: 1. Pana­mos (= Hekatombaion), 2. Agrastyon (1), 5. Bukatios, 6. Panagyrios, 7. Gigantios, 9. Poitropios, 11. Pokios, 12. Amon; die übrigen fehlen. Auf die Zahlenmonate der Phoker (πρῶτος, δεύτερος, τρίτος usw.), Lokrer, Arkadier und Messenier wurde schon hingewiesen.

Bei den folgenden Monaten steht ihre bis jetzt erkannte Auf­einanderfolge noch nicht genügend fest. Die in der ersten Kolumne vorangesetzten Ziffern beziehen sich auf die parallelen attischen Monate:


Äolische MonateDorische

LamiaGesamt­thessalienHalosPerrhäbienTauromenion
1.HippodromiosPhyllikosHekatombiosPhyllikosItonios
2.PanamosPanamos (1)HomoloiosPanamos (1)Karneios
3.?HermaiosThyiosHermaiosLanotros
4.ApellaiosItoniosAdromios (1)ItoniosApollonios
5.BukatiosEuoniosEuoniosApolloniosDyodekateus
6.Bomios (1)ThemistiosPythoiosThemistiosEukleios
[336 XI. Kapitel. Zeitrechnung der Griechen.]

Äolische MonateDorische

LamiaGesamt­thessalienHalosPerrhäbienTauromenion
7.ThrixallioiHyperoios (*)HagnaiosDiosArtemitios (1)
8.GeustosLeschanoriosDionysiosLeschanoriosDionysios
9.LykeosAphriosGenetios (*)Aphrios?
10.ThyosThyosMegalartiosAgagylios?
11.AreosHomoloiosThemistiosHomoloiosPanamos
12.ChryttaiosHippodromiosDematrosHippodromiosApellaios (*)

Ionische Monate in

EphesosKyzikosSamosTenos
1.?1PanamosPelysion (1 ?)Apellaion
2.Metageitonion?MetageitnionHeraion
3.Neokaisareon (1)? (1)?Buphonion
4.?2KyanopsionKyanopsionApaturion
5.MaimakterionApaturionApaturion?
6.PosideonPosideonPosideonPosideon
7.LenaionLenaionLenaion?
8.AnthesterionAnthesterionAnthesterionAnthesterion
9.ArtemisionArtemisionArtemision?
10.TaureonTaureonTaureonArtemision
11.ThargelionThargelionPanamosTargelion
12.Hagnaion (?)KalamaionKronionEleithyaion

Als Beispiele aus der gegenwärtig noch beträchtlichen Zahl von Kalendern, bei denen zwar die Monatsnamen bekannt sind, nicht aber ihre Aufeinanderfolge, gebe ich die Monatsnamen auf Kos (und Ka­lymna) und Rhodos; bei denselben muß vorläufig die alphabetische Reihe genügen: Kos. Agrianios, Alseios, Artamitios, Batromios, Dalios, Gerastios, Hyakinthios, Kaphisios, Karneios, Panamos, Petageitnios, Teudaisios. — Rhodos. Agrianios, Artamitios, Batromios, Dalios, Diosthyos, Hyakinthios, Karneios, Panamos (*), Petageitnios, Sminthios, Teudaisios, Thesmophorios.

Die angeführten Namen lassen erkennen, daß selbst inner­halb der Stämme nur sehr geringe Übereinstimmung in der Be­nennung der Monate vorhanden war. Bei den loniern finden wir eine Übereinstimmung mit Athen nur im 6., 8. und 11. Mo­nate, welche wie dort Posideon, Anthesterion und Thargelion genannt wurden; an die Stelle des Gamelion tritt bei den loniern meist der Lenaion, an Stelle des Elaphebolion und Muny­chion der Artemision resp. Taureon. Der Skirophorion kommt nur in Athen vor und erscheint in den ionischen Kolonien durch sehr verschiedene Namen ersetzt. Bei den Doriern mangelt die Über-


1) Wahrscheinlich Hekatombaion.

2) Vermutlich Kyanopsion.

[§ 199. Die Datierung nach Prytanien. 337]

einstimmung noch mehr. Am häufigsten findet sich bei ihnen der Karneios als Ersatz des attischen Metageitnion. Bei den Äolern bieten Panamos, Thyos und Homoloios teilweise Ersatz für die attischen Monate Metageitnion, Munychion und Thargelion, der öfters vorkommende Name Bukatios wird differierend für den 2., 5. und 6. Monat verwendet. — Zum Teil kommt die Verschiedenheit der nichtattischen Monatsnamen von den sehr voneinander verschiedenen Festen her, die entsprechend der Richtung des Kultus zu verschiedenen Zeiten gefeiert wurden und den Monaten ihren Namen gaben (s. § 202); die Bedeutung einer Anzahl von Monatsnamen ist gegenwärtig noch nicht erklärt.

Es muß hier auch gleich besonders hervorgehoben werden, daß die nichtattischen Griechen das Jahr größtenteils nicht mit jenen Monaten anfingen, die in den obigen Kolumnen oben als erste stehen; die einen begannen ihr Jahr mit dem Sommer, die andern mit dem Herbst, einige mit dem Winter (s. § 200). Um in der obigen Zu­sammenstellung den Anfangsmonat des Jahres kenntlich zu machen, ist hinter dem betreffenden Monat eine (1) angesetzt.

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