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[§187, Die julianischen Jahreszeiten. 281]

§ 187. Die julianischen Jahreszeiten.

Das Jahr teilte Caesar in acht Zeiten. Nach den Berichten von Varro und Columella1 hatten die Jahreszeiten, vom Zeichen des Wassermanns aus gerechnet, folgende Längen: Frühling 91, Sommer 94, Herbst 91, Winter 89 Tage, oder vom Widder an ge­zählt, Frühling 94, Sommer 92, Herbst 89 und Winter 90 Tage. Es ergeben sich2 nachstehende julianische Daten für die Eintritte der Sonne in die Zeichen:

Widder(31Tage) am17. März }94Tage
Stier(82„   ) 17. April
Zwillinge(31„   ) 19. Mai
Krebs(31„   ) 19. Juni }92
Löwe(31„   ) 20. Juli
Jungfrau(30„   ) 20, August
Wage(30„   ) 19. September }89
Skorpion(30„   ) 19. Oktober
Schütze(29„   ) 18. November

1) Varro, De re rust. I 28: Dies primus est veris in Aquario, aestatis in Tauro, autumni in Leone, hiemis in Scorpione. cum unius cuiusque horum quatuor signorum dies tertius et vicesimus quattuor temporum sit primus, et efficiat ut ver dies habeat XCI, aestas XCIV, autumnus XCI, hiems XXCIX; quae redacta ad dies civiles nostros, qui nunc sunt, (sunt) primi verni temporis ex a. d. VII id. Febr., aestivi ex a. d. VII id. Mai., autumnalis ex a. d. III id. Sext., hiberni ex a. d. IV id. Nov.

2) Th. Mommsen, R. Chr. 62.

[282 X. Kapitel. Zeitrechnung der Römer.]
Steinbock(30Tage) am17. Dezember }90Tage
Wassermann(30„   ) am16. Januar
Fische(30„   ) am15. Februar

Nach Columella und Plinius hat Caesar die Jahrpunkte auf den achten Grad des Widders, des Krebses, der Wage und des Stein­bocks gelegt; es würden also seine Jahrpunkte

Frühjahrsäquinoktium24. März
Sommersolstiz26. Juni
Herbstäquinoktium26. September
Wintersolstiz24. Dezember

gefallen sein. Beide genannten Schriftsteller verwechseln jedoch die Grade der Zeichen mit den Tagen und geben daneben (Columella IX 14, Plinius, Hist. n. XVIII 26, 246 u. a.)1 auch die VIII. Kalend. der nächsten Monate Aprilis, Iulias, Octobres, Ianuarias dafür an, nämlich:

Frühlingsäquinoktiuma. d. VIII Kal. Apr.= 25. März
Sommersolstiz „    Iul.= 24. Juni
Herbstäquinoktium „    Oct.= 24. September
Wintersolstiz „    Ian.= 25. Dezember

Die Anfänge der Jahreszeiten kamen nach Varro (s.  S. 281 Anm. 1) auf den 23. Grad der je folgenden Zeichen (s. oben), nämlich

derAnfang des Frühlings7. Februar
des Sommers9. Mai
des Herbstes11. August
des Winters10. November

Es ergibt sich also folgende Jahreszeittafel Caesars:

Frühlingsanfang = Fische = 7.Februar }45Tage ]91Tage
Frühlingsäquin. = Widder = 24.März
}46
Sommeranfang = Zwillinge = 9.Mai
}48 ]94
Sommersolstiz = Krebs = 26.Juni
}46
Herbstanfang = Jungfrau = 11.August
}46 ]91
Herbstäquinokt. = Wage = 26.September
}45
Winteranfang = Schütze = 10.November
}44 ]89
Wintersolstiz = Steinbock = 24.Dezember
}45
Frühlingsanfang = Fische = 7.Februar

365Tage

1) Columella IX 14, 12 Winterwende = VIII. Kal. Ian. (25. Dezember), dagegen XI 2, 94 Winterwende = IX. Kal. Ian. (24. Dezember); Plinius H. n. XVIII 26, 246: aequin. vern. a. d. VIII. Kal. Apr. peragi videtur; XVIII 28, 264: solstitium peragi in octava parte Cancri et VIII Kal. Iul. diximus; etc.

[§ 187. Die julianischen Jahreszeiten. 283]

Nach dieser Tafel sind vom Sommersolstiz bis zum Herbstäqui­nox 92 Tage, von da bis zum Wintersolstiz 89, von hier bis zum Frühjahrsäquinox 90 und von letzterem bis zum Sommersolstiz 94 Tage. Vergleichen wir mit diesen Intervallen die Jahrpunkt­intervalle von Eudoxos, Euktemon (und Meton) sowie Kallippos (welche ich weiterhin bei den griechischen Parapegmen § 213 an­gebe), nämlich:


Eudoxos Euktemon Kallippos
Sommerwende—Herbstgleiche 919092Tage
Herbstgleiche—Winterwende 929089
Winterwende—Frühjahrsgleiche 919290
Frühjahrsgleiche—Sommerwende 919394

so könnte man, da die Intervalle des Kallippos mit den caesarischen überein­stimmen, mutmaßen, daß Caesar die Rechnung des Kallippos bei seinen Jahr­punkten zugrunde gelegt hat; er kann aber auch auf eigenen (römischen) Beobach­tungen gefußt haben, und die Über­ein­stimmung kann Zufall sein. Dagegen sprechen die vorgenannten Zahlen nicht für die Meinung Th. Mommsens1, welcher zwischen dem julianischen und dem Eudoxischen Kalender eine Beziehung vermutet hat; die Verschiedenheit der Jahrpunktabstände ist dafür zu groß2. Auch die sonstigen Angaben über die jährlichen Sternphasen des Eudoxos (s. § 213)

heliak. Aufgang des Sirius
22. Juli
kosm. Untergang der Leier
17. August
kosm. Untergang der Plejaden
14. November

sowie die Jahrpunkte Frühlingsäquinox 28. März, Wintersolstiz 26. Dezember stimmen nicht sonderlich zu den von Varro und Plinius3 überlieferten Daten des Caesarischen Kalenders:


1) R. Chr. 60 f.

2) Auch Hartmann (Rom. Kal. 144. 177) hat aus Ansetzungen Columellas auf fremden (chaldäischen) Ursprung des vorcaesarischen Sonnenjahrs schließen wollen.

3) Plinius, Hist. nat. XVIII 26, 237: et VIII Kal. Mart. hirundinis visu et postero die Arcturi exortu vespertino (23. Februar); XVIII 26, 248: sic fere in VI. id. Mai., qui est Vergiliarum exortus, decurrunt sidera (10. Mai); XVIII 28, 271: VIII id. Aug. Arcturus medius occidit, III. id. (11. August) Fidicula occasu suo autumnum inchoat, ut is (Caesar) adnotavit; XI 16, 41: gignit id maxime Arcturi exortus ex a. d. pr. id. Septemb. (12. September); XVIII 25, 225: hoc ipso Vergiliarum occassu fieri putant aliqui a. d. III. id. Novemb. (11. November). — An anderen Stellen weicht Plinius von diesen Angaben etwas ab. Auch die Daten von Columella und Clodius Tuscus sind bisweilen andere.

[284 X. Kapitel. Zeitrechnung der Römer.]
Frühlingsanfang, Eintritt des Zephyrs
8.Februar
Populärer Frühjahrsanfang:
akronychischer Aufgang des Arktur
23.(27.)
Sommeranfang:
heliakischer Aufgang der Plejaden
10.Mai(28.)
Hochsommer: heliak. Aufgang des Sirius
19.Juli (2. Aug.)
Herbstanfang: kosm. Untergang der Leier
11.August(23.)
Populärer Herbstanfang: heliak. Aufgang des Arktur
12.September(20.)
Winteranfang: kosm. Unterg. der Plejaden
11.November (8.)

Aus den letzteren Daten merkt man auch das Bestreben, den alten Verbindungen der jährlichen Sternauf- und Untergänge mit den Haupt­phasen der Jahreszeiten (vgl. § 194) gerecht zu werden. Von den wirklich zu Caesars Zeit und für die Breite von Rom stattgefundenen Zeiten weichen Caesars Satzungen allerdings mehrere Male auffallend ab. Aus Tafel I c (am Schluß unseres Buches) folgen nämlich für 45 v. Chr. und 42° n. Br. die oben neben die Daten eingeklammert gestellten Tage. Ideler hat deshalb schon aus den Abweichungen geschlossen, daß Caesar wahrscheinlich ältere, auf südlichere Breiten sich beziehende Angaben verwendet hat. Mit Hilfe unserer Tafel läßt sich schließen, daß das Datum 11. August (kosm. Untergang der Leier) etwa einem Orte unter 36° Breite entspricht, und das Datum 10. Mai (heliak. Aufgang der Plejaden) vermutlich aus Ägypten und dem 3. Jahrh. v. Chr. stammt, doch läßt sich in Beziehung auf die Plejadengruppe1 nichts Bestimmtes sagen. Die übrigen caesarischen Satzungen können sich auf einheimische, römische Tradition stützen, mit Ausnahme natürlich des 19. oder 20. Juli2 für den heliakischen Sirius­aufgang, welcher nur als eine Konzession an das berühmte ägyptische Datum zu betrachten ist, da der tatsächliche heliak. Auf­gang des Sirius für Rom erst am 2. August erfolgen konnte (s.  Tafel I c). — Die Ursache davon, daß Caesar die Äquinoktien und Solstitien auf den achten Grad setzte — so daß also die Sonne z. B. den Widder um 8 Tage früher erreichte als das Frühjahrs­äquinoktium — hat Ideler schon angegeben: die Hauptsterne der einzelnen Tierkreiszeichen sollten symmetrisch in den Zodiakalbildern


1) Die Angaben der Alten über die jährlichen Auf- und Untergänge der Plejaden differieren recht bedeutend voneinander, was erklärlich ist, da diese Stern­gruppe eine ziemliche Ausdehnung hat, also die einzelnen Sterne zu verschiedener Zeit (nicht an demselben Tage) erscheinen oder verschwinden.

2) Das Datum bei Plinius ist nicht zweifelfrei: sole primam partem Leonis ingrediente, qui dies XV ante Aug. calendas (18. Juli) est; an einer andern Stelle (Hist. nat. XVIII 28, 269) wird der 20. Juli genannt; in der obigen Zusammen­stellung ist die Lesung nach Unger 19. Juli angesetzt.

[§ 188. Die Nundinen und ihr Zyklus. 285]

zu stehen kommen. — Bei den Ansätzen der Jahrpunkte blieb übrigens Caesar gegen die Wahrheit etwas fehlerhaft. Mittels Schrams Zodiakaltafeln1 erhalte ich folgende Daten der Hauptjahr­punkte für das Jahr 45 v. Chr., neben welche ich die caesarischen stelle:

CaesarBerechnete Daten:
aequin. vernum25.März 23.März 4h1m morg.röm. m. Zt.
solstitium24.Juni 25.Juni 3 34  morg.   „    „   „
aequin. autumni24.September 25.Septb. 1 43  nachm.   „    „   „
bruma225.Dezember 23.Dezbr. 5 54  morg.   „    „   „

Caesar wollte auch die alten Lagen der römischen Festtage möglichst respektieren. Wie bemerkt (s. oben S. 277) kamen in seinem Sonnen­jahre im Ianuar, Sextilis und December je zwei Tage gegen die alten Monate hinzu, in den Monaten April, luni, September, November je ein Tag. Um die Intervalle zwischen den Festen nicht zu ändern (Censorin: ne religiones sui cuiusque mensis a loco submoverentur), setzte Caesar die hinzukommenden Tage an das Ende der Monate (Macrobius: peractis cuiusque mensis feriis) — in welcher Weise, wurde schon (oben S. 278) erörtert. Die Absicht, alle alten Feste auf ihren Plätzen zu lassen, konnte daher nicht ganz verwirklicht werden, vom Mai an und in der zweiten Jahreshälfte verschoben sich die Feste um einen Tag bis zu mehreren Tagen.


1) R. Schram, Kalendariographische u. chronol. Tafeln, Leipzig 1908, S. 360—368.

2) Bruma bedeutete nicht bloß den Tag des Wintersolstiz, den kürzesten Tag, sondern auch einen längeren Zeitraum, die Wintertage um die Zeit der kürzesten Tageslänge (brumalia tempora, brumae tempora, brumales dies). Nach alter An­schauung fiel der Tag der bruma, der kürzeste (brevissima dies) auf den achten Tag vor die Kal. Ianuar., d. i. 25. Dezember, und war die Zeit der Erneuerung des Jahres (Varro, De l. l. VI 8: tempus a bruma ad brumam vocatur annus). Im Kalender des Philocalus und Polemius Silvius (s. Corp. Inscr. Lat. I 2. Ausg., p. 276. 277) steht die bruma auf dem 24. November. Auch ein Fest wurde um diese Zeit gefeiert oder soll an diesem Tage begonnen und auf längere Dauer sich erstreckt haben.

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